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Aus den kulturellen Antipoden der heutigen Welt, aus Amerika und Rußland, erfahren wir durch zwei neue Bücher Tatsachen des Jugendlebens, die man kennen muß, um die heutige Jugend Deutschlands zu verstehen. Daß die deutsche Öffentlichkeit das wirkliche Leben ihrer eigenen Jugend nicht kennt, haben die beiden Prozesse Kolomak und Krantz gezeigt. In beiden stand, was immer der Gegenstand der Gerichtsverhandlung gewesen sein mag, inmitten des Publikumsinteresses die Offenbarung, daß unsere heranwachsende Jugend sich nicht ganz so benimmt, wie man von „gesunder und reiner” Jugend bisher anzunehmen bereit war, daß sie nämlich Sexualtriebe besitzt und von ihnen einen Gebrauch macht, den Sitte und Pädagogik dem Erwachsenen reserviert. Die Beurteilung dieser beiden Fälle als völlig abnormaler Verbrechen war nicht durchführbar; man mußte zur Kenntnis nehmen, daß die „Sittenlosigkeit” in der Jugend weit, sogar allgemein verbreitet ist. Unerörtert bleibe dabei, ob Kolomak und Krantz würdige und edle Vertreter der heutigen Jugend sind. Sicherlich aber geht es nicht an, in ihnen Einzelfälle zu sehen, geht es auch nicht an, sie als Symptome einer sich ausbreitenden moralischen Verkommenheit zu werten. Sie sind in Wahrheit Symptome einer Wandlung im Jugendleben, die sich vor unseren Augen vollzieht, aber nicht etwa bloß im bösen Berlin oder in der finsteren Provinz Bremen, sondern ziemlich gleichartig in der ganzen Welt. Diese Wandlung richtig zu beurteilen, muß man sich freilich vorerst einer Illusion entledigen. Die „gesunde und reine” Jugend, wie sie unsere Pubertätspsychologen Ch. Bühler und Spranger hymnisch besingen, und von deren selbstverständlichen Existenz das Publikum überzeugt ist, gibt es nicht mehr, weil es sie nie gegeben hat. Die Wandlung, von der jene Prozesse und diese Bücher Zeugnis ablegen, ist nicht darin zu suchen, daß die Jugend früher asexuell gelebt hätte und heute erst infolge des sittenverwildernden Weltkrieges (den übrigens die Besinger reiner Jugend se