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Heft 10 des zweiten Jahrganges bringt folgende Frage eines Lesers: „Ist es ratsam, daß sich Eltern ihren kleinen Kindern unbekleidet zeigen? Oder besser nur die Mutter dem Mädchen, der Vater dem kleinen Sohne? Oder besser gar nicht!” Der Anfragende glaubt wohl, daß er erschöpfend gefragt hat, alle Möglichkeiten in seiner Frage angedeutet habe. Sehen wir uns darauf einmal die Erfahrungen der täglichen analytischen Praxis an:
Jeder, der mit Neurotikern zu tun hat, wird sich an Fälle erinnern, wo Knaben (ich nehme sie als Beispiel) einen tiefen, lebensbestimmenden Eindruck aus dem Schauen nackter Eltern und namentlich ihrer Geschlechtsteile davongetragen haben. So sieht ein Kind das ihm übergroß erscheinende Genitale des Vaters und bewundert dessen Größe. Es wird ihm (natürlich muß dies nicht sein — die hier gebrachten Reaktionen sind nur Möglichkeiten) zum Exponenten seiner Schwäche und Minderwertigkeit, seiner Unzulänglichkeit, jemals mit dem Vater, mit dem Erwachsenen, in Wettkampf zu treten. Es wird ihm zur Bestätigung, daß es durch seine Selbstbefriedigung sich nicht wieder gutzumachendes Unglück zugefügt hat, mit anderen Worten: das Betrachten des väterlichen Genitales wird ihm zur Bestätigung der Kastrationsdrohung. Aber wie gesagt: Der Knabe bewundert auch das Genitale des Vaters, dessen imponierende Größe. Und aus der Bewunderung erwächst in manchen Fällen der Wunsch, Liebesobjekt des Vaters zu werden, an der Mutter Stelle zu treten, Frau zu sein. Nicht gar selten nimmt die Homosexualität von einem derartigen Erlebnis ihren Ausgangspunkt. Zumal, da vor diesem gewaltigen Genitale eine Scheu und vor seiner schmutzigen Umgebung — die Behaarung, namentlich wenn sie dunkel ist, wird oft von dem Kinde als Unsauberkeit empfunden — ein Ekel entstehen kann. So wie der Vater ist, will der Knabe nicht werden.