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Wenn wir Gelegenheit haben, zu beobachten, wie kleine Kinder sich ohne jede Scham, ja sogar mit deutlichem Vergnügen vor einander und vor den Erwachsenen entkleiden, nackt herumspringen, ihre exkrementellen Bedürfnisse verrichten, ebenso Interesse für diese Vorgänge bei anderen bezeigen, wenn wir dann z. B. in der Ordination eines Schularztes sehen, wie manche ältere Kinder sich so schämen, daß sie nicht dazuzubringen sind, sich vor ihren Kameraden zu entkleiden, werden wir uns gewiß über die gewaltigen Veränderungen wundern, die in verhältnismäßig kurzer Zeit in der kindlichen Seele vor sich gegangen sind.1
Ich möchte nun einiges aus einer Kinderanalyse berichten, das vielleicht geeignet ist, einen Beitrag zur Frage der kindlichen Lust an der Nacktheit und der Entstehung der Scham zu liefern.
Die zwölfjährige Ilona kam wegen mehrfacher kleiner Diebstähle, großer Lügenhaftigkeit und anderer Verwahrlosungserscheinungen in meine Behandlung. Das körperlich noch ganz unentwickelte, sehr intelligente, für Sprachen und Rhetorik besonders begabte Mädchen hatte ihre ersten Lebensjahre in einem kleinen ungarischen Gebirgsstädtchen zugebracht. Der Vater verließ die Mutter noch vor der Geburt des Kindes, die Mutter hatte aber einen Beruf, der es ihr unmöglich machte, das Kind bei sich zu behalten und sich ihm viel zu widmen. So wuchs die Kleine bei einer alten Tante auf, die auch verdienen mußte und nicht Zeit hatte, sich viel mit Ilona zu befassen. Die Tante starb, als Ilona fünf Jahre alt war. Die Kleine kam nun zu einem kinderlosen Ehepaar, Verwandten dieser Tante, in die Stadt, um deutsche Schulen besuchen zu können. Dieses Ehepaar behandelte die Kleine ganz wie ein eigenes Kind; sie erzogen sie auch, da sie sehr wohlhabend waren, gut und sorgfältig. Als Ilona zu stehlen begann, ihre Lügenhaftigkeit immer mehr zunahm und die Pflegeeltern gar nicht mit ihr fertig werden konnten, brachten sie sie zu mir in Analyse.
Nach einiger Zeit zeigte es sich in der Behandlung, daß Ilona n