You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Dann und wann werden in der Sprechstunde Beobachtungen mitgeteilt, die Eltern machten, wenn sie ihre Kinder von den ersten Lebensjahren ab teilnehmen ließen bei Nacktbaden und Nacktgymmastik. Eine dieser Mitteilungen lautet folgendermaßen:
Ein Vater berichtet, daß seine nun neunzehnjährige Tochter stets anwesend war, wenn er und seine Frau im Badezimmer badeten und Nacktgymnastik trieben. Er glaubte aus der guten seelischen Entwicklung seiner Tochter annehmen zu dürfen, daß er damit ihr eine Reihe von Konflikten erspart hätte, auch eigentlich sie nie hätte aufklären müssen. — Einige Zeit später kam die Tochter selbst zur Sprechstunde wegen einer Reihe von Beschwerden, wie Schlaflosigkeit, übermäßige menstruelle Blutungen, und berichtete unter anderem, der Anblick der nackten Eltern habe sie stets in einem Maße sexuell gereizt, daß sie Jahre hindurch an Schlafstörungen wechselnder Art und verschiedenen Grades litt. Sie habe schon sehr früh den Versuch gemacht, den Reiz durch Onanie zu überwinden; es sei teilweise gelungen, aber andererseits litt sie sehr stark unter dem Onaniekonflikt. Nach ihrer bewußten Erinnerung onaniert sie vom dritten Lebensjahre fast ununterbrochen bis zum neunzehnten Lebensjahr. Da eine analytische Behandlung nicht stattfand, läßt sich über die unbewußte Verarbeitung der Nacktheitsszenen mit Sicherheit nichts sagen. Einige Träume und passagere Symptome, von denen die Patientin noch nebenbei berichtete und die aus Diskretionsgründen hier nicht weiter veröffentlicht werden können, lassen darauf schließen, daß die Sublimierungsversuche sehr mangelhaft gelungen waren (Schaulust, Exhibitionismus).
Die Anhänger der Freikörperkultur beschäftigen sich neuerdings eingehender mit der hier aufgeworfenen Frage. So veröffentlicht Hermann Schmidt in der Zeitschrift „Urania”, Heft 1, 1928/29, einen Beitrag, in dem er auch auf Grund der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” von Freud den Zusammenhang von Schaulust, Perversion und Schamgefühl kurz bespricht; er