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Vor vielen Jahren suchte mich ein etwa 19jähriges, ausnehmend schönes Mädchen auf. Sie war eine einfache Kontoristin und — wie sie sagte — such te sie mich nur auf, um sich vor Ausführung ihrer unabänderlich festen Selbstmordabsicht mit jemandem, bei dem sie Verständnis voraussetzte, „auszusprechen”.
Die klinisch-psychiatrische Untersuchung ergab bei ihr keinen Befund, auf den irgend eine der geläufigen Krankheitsdiagnosen gepaßt hätte. Ich fand sie intellektuell hochentwickelt und von unerwartet tiefer Geistesbildung; ihre Ansichten über Menschen und Dinge normal, vielleicht etwas überfeinert, ihre Moral gefestigt. Sie bekundete einen ungewöhnlich starken Drang nach Wahrhaftigkeit und ehrliches Streben nach Selbsterkenntnis. Bei alledem fühlte sie sich tief unglücklich und wollte sterben.
Als Motiv gab sie an, sie hätte so viel gelitten und fände nirgends ihr Glück; ihr Leben sei von der traurigen Kindheit und Jugend verdüstert; vor allem aber, sie könne nicht lieben. Was ihr das Leben bis jetzt an Liebe geboten hätte, befriedige sie nicht; ohne Liebe aber könne sie nicht leben. Sie wollte sich einmal einem Manne, der sie anbetete, hingeben, von der Wollust Vergessen und Trost erhoffend, doch sei sie — sie wisse selbst nicht warum — im letzten Moment davor zurückgeschreckt. Sie sei arm; sie könne nicht hoffen, je unter Menschen zu kommen, die ihr starkes Verlangen nach Wissen und Kunst stillen könnten; sie sei aber auch nicht genügend begabt, um sich irgendwie selbst geltend zu machen. Hiezu kämen äußerst mißliche Familienverhältnisse: eine tyrannische Schwester, ein sehr abnormer und absonderlicher Schwager, der ihr stets nachstellte, einmal sogar einen Überfall auf sie verübte, angeblich nur, um ihre Keuschheit auf die Probe zu stellen. Schließlich beklagte sie sich über die einförmige, tödlich-langweilige, ermüdende Büro-Arbeit und die drückenden Geldsorgen.
Ich setzte ihr auseinander, daß ähnliche Bedingungen bei einer Anzahl von Menschen gegeben sind, ohne daß si