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Das I. Kapitel („Elternfehler bei der Erziehung des Individualcharakters”) erschien im vorangegangenen Heft.
Es wurde schon daran erinnert, daß Individual- und Sozialcharakter in enger Beziehung zu einander stehen. Darum bedeuten Elternfehler, die bei der Erziehung zur individuellen Persönlichkeit begangen werden, mindestens bei erheblich schädigender Wirkung auch eine Beeinträchtigung der sozialethischen Entwicklung. Jedoch darf man nicht an einen direkten und durchgängigen Parallelismus denken. Werden die selbstischen Ansprüche erzieherisch heruntergeschraubt, so kann dies zunächst die altruistischen Regungen vermindern. Die Liebe zu den Eltern, die den Ansprüchen, Bedürfnissen und Wünschen nicht entsprechen, nimmt ab und es besteht Gefahr, daß das Kind nun darauf ausgeht, erst recht seine Begierden durchzusetzen; sein Egoismus schwillt an. Es ist aber auch möglich, daß das Liebesbedürfnis sich behauptet und nun auf andere Objekte ausgeht, auf Großeltern, Onkel, Tanten, Lehrer, Nachbarn u. s. f. Indem das Kind sich in andere leidende Kinder hineindenkt und den Wunsch nach einem besseren Lose auf sie oder die gesamte leidende Mitwelt verpflanzt, kann ein sehr intensiver Altruismus aufblühen. Werden jedoch die Verdrängungen der Selbstliebe zu weit getrieben, so ist auch bei intensivstem Altruismus der Gesinnung der sozialethische Ertrag recht oft ungenügend, und zwar darum, weil dann neurotische und zwangsmäßige Züge meistens die verfügbaren und zum sozialen Dienen nötigen Kräfte wesentlich vermindern. Unter den Neurotikern trifft man eine Menge von Individuen, die sich nichts gönnen und alle Genußfähigkeit, so weit nur ihre Person in Frage steht, ganz oder beinahe einbüßten und dafür ganz nur für andere leben wollen. Ihre Hemmungen haben aber einen derartigen Grad und Umfang