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Die Zehnuhrpause ist vorüber, ich trete in die erste Bürgerschulklasse und werde mit einer Lachsalve empfangen. Bald erfahre ich den Grund der allgemeinen Heiterkeit. Auf der Treppe steht der 12jährige Erich St., der jetzt im Sommer ein Turnerleibchen trägt, das er in der Pause vorne mit Taschentüchern ausgeschoppt hatte, um den Eindruck einer Dame zu erwecken. Als mich Erich erblickt, wird er feuerrot, verschwindet auf seinen Platz und bemüht sich, die Taschentücher schleunigst zu entfernen. Plötzliche Stille, 42 Augenpaare sind auf mich gerichtet. Was nun? Ich gestehe offen ein, daß ich es für den ersten Augenblick selbst nicht wußte, doch da fiel mir folgende Arbeit ein, die der „Missetäter” einmal geliefert hatte:
„Die Mutter lehrte mich das Ausreiben. Ich dachte mir immer, wenn ich ein Mädchen wäre, so könnte es für mich einmal einen Wert haben. Doch sie (die Mutter) wird es besser wissen, sonst hätte sie mich's nicht gelehrt. Natürlich, Küche und Zimmer darf ich nicht ausreiben, nur das Gastzimmer. (Seine Eltern haben ein Gasthaus.) Das andere macht sie selbst.”
Nun bin ich im klaren und meine: „Laßt ihn nur, er will halt ein Mädchen sein!” Ein neuerlicher Lachausbruch — ich kann ihn verstehen, weiß ich doch aus Erfahrung, wie verächtlich in Klassen mit Koedukation die Knaben dieses Alters auf die Mädchen blicken, und als sich der Sturm legt, scheint mir der Boden für eine kleine Untersuchung reif zu sein. Ich zeige mich interessiert und fordere die Kinder zu einer Stellungnahme auf. „Ich möchte ein Mädchen sein” heißt das Problem für Knaben, „ich möchte ein Knabe sein” für Mädchen.
Von den 20 Knaben der Klasse wollen 18 „wohl eher alles andere sein, nur kein Mädchen!” Die häuslichen Arbeiten wären ihnen viel zu fade, die Kittel würden ihnen beim Laufen hinderlich sein, es wäre mit dem Baumkraxeln und Bergsteigen aus, die langen Haare wären im Sommer recht unangenehm, sie müßten sich von den Knaben alles gefallen lassen, weil sie doch die Stärkeren