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Im Schlußwort der Wiener Diskussion über Schülerselbstmord1 sagte Freud im Jahre 1910:
„Wir wollten vor allem wissen, wie es möglich wird, den so außerordentlich starken Lebenstrieb zu überwinden, ob dies nur mit Hilfe der enttäuschten Libido gelingen kann, oder ob es einen Verzicht des Ichs auf seine Behauptung aus eigenen Ichmotiven gibt. Die Beantwortung dieser psychologischen Frage konnte uns vielleicht darum nicht gelingen, weil wir keinen guten Zugang zu ihr haben. Ich meine, man kann hier nur von dem klinisch bekannten Zustand der Melancholie und von deren Vergleich mit dem Affekt der Trauer ausgehen. Nun sind aber die Affektvorgänge bei der Melancholie, die Schicksale der Libido in diesem Zustande, völlig unbekannt, und auch der Daueraffekt des Trauerns ist psychoanalytisch noch nicht verständlich gemacht worden”.
Diese Lücke ist von der psychoanalytischen Forschung indessen ausgefüllt worden. Von Freud und Abraham wurden die pathologischen und normalen Trauerzustände untersucht; und soviele Fragen auch ungelöst geblieben sind, einige wesentliche Sätze über den Selbstmord sind wohl gesichert:
Ein Selbstmord geschieht nur, wenn der Täter intensive Haßgedanken — unbewußt — gegen ein Objekt gerichtet hat; er kommt nur zustande bei verdrängten Mordimpulsen, er hat also eine Rachetendenz.
Der Mordimpuls wird sich aber nur dann als Selbstmord befriedigen, wenn der Täter sich unbewußt mit dem gehaßten — früher intensiv geliebten — Objekt identifiziert hat, sodaß er den Gehaßten zugleich mit sich selbst tötet.
Wohl regelmäßig wirkt beim Selbstmord eine Selbstbestrafungstendenz mit; strafwürdig erlebt sich der Täter nicht selten wegen der großen Menge und Intensität seiner Mordimpulse und Haßregungen.
Und schließlich spielt gelegentlich noch die Todessymbolik mit den libidinösen Wünschen, die hinter ihr stehen, eine Rolle, vor allem in
1) Gesammelte Schriften, Bd. III, S. 221 ff.
der Todeswahl; so sind z. B. Selbstvergiftungen Erfüllung unbewußter Schwängerungsphantasien.