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Aus Anlaß einer Selbstmord-Debatte in der „Wiener psychoanalytische Vereinigung” tat ich im Jahre 1912 den Ausspruch: „Niemand gibt das Leben auf, der nicht die Hoffnung auf Liebe aufgeben mußte!” Was ich damals als neuen Gedanken aussprach, halte ich auch heute, bei gemehrtem Wissen, durchaus aufrecht. Nur haben mich meine psychoanalytischen Erfahrungen belehrt, daß man eine jede Hoffnung auf Liebe oft schon in einer Zeit aufgegeben hat, an die man gemeinhin gar nicht denkt, in der Säuglings-Periode nämlich.
Auf dem Psychoanalytischen Kongresse zu Innsbruck konnte ich 1927 die Behauptung wagen, eine Neurose sei erst dann als absolut geheilt zu betrachten, wenn man sämtliche Symptome zurückverfolgt hätte bis in das allererste Lebensjahr. Nun gilt ja die Selbstmordneigung nicht eigentlich als neurotisches Symptom. Allein es gibt nicht wenige Menschen, bei denen ein starker Hang zum Selbstmord entschieden etwas Zwangsmäßiges hat, sich auch ganz regelmäßig mit anderen neurotischen Symptomen paart und ebenso wie diese in seinen Endwurzeln schon in jener Frühzeit nachweisbar ist. Daß dies nicht schon längst von den Ärzten erkannt wurde, rührt einfach daher, daß Selbstmordgedanken unserer Kleinsten nicht offenkundig werden, diese selber über ihr tiefstes Empfinden nichts aussagen können und alles erst Dezennien später erschlossen wird in einer voll durchgeführten Psychoanalyse. Immer mehr drängt sich mir die Überzeugung auf, daß alljährlich viele Säuglinge sterben, nicht weil sie unbedingt sterben müßten, sondern weil sie infolge mangelhafter Nahrungsaufnahme und -Verwertung sich mählig und langsam sterben lassen. Sie wollen nicht leben und begehen Selbstmord, weil ihnen die aufopfernde Liebe einer Mutter mehr oder weniger abgeht1. Mitunter kann man die Erfahrung machen, daß solch ein armes, scheinbar lebensunfähiges Wurm trotz bester, wissenschaftlicher Pflege in einem Kinderspitale immer mehr verfällt, dann aber wie durch ein Wunder aufblüht, wenn die liebende Mutter es