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Aus dem Vortragszyklus „Störungen des Gemeinschaftslebens” im Frankfurter Psychoanalytischen Institut.
Zuerst suchte mich ein junger Akademiker wegen des „hochinteressanten Falles” seiner Kusine auf. Ich müßte das Mädchen retten. Durch seine Worte aber klang: ihm sollte ich das Mädchen retten. Einige Wochen später erst kam der Vater. Ihn begleitete seine Schwester, der Chef des Hauses. Die sprach fast fortwährend: was sie alles für die Person getan, und wie die Dirne es mit Undank lohne. Erst am Schluß sagte der Vater: er habe viel Unglück in seinem Leben gehabt, aber das Kind sei sein ganzer Stolz und seine Hoffnung gewesen. Jetzt habe er allen Glauben an die Welt verloren. Andern Tags kam die Mutter, eine kleine, dicke Frau. Sie weinte über ihr Unglück und über ihre Schande. So gescheit und tüchtig sei das Mädchen, daß sie der ganzen Familie wieder hätte aufhelfen können. Wohin käme nur das viele Geld, das sie in ihrer Stellung verdiene? Statt dessen müsse man in tausend Ängsten leben, daß sie einen noch Geld koste.
Und dann kam die 17jährige, nicht hübsch, nicht elegant, nicht frisch. Sie setzte sich mir mit einer Bewegung gegenüber, die sagte: auch das wird vorübergehen! Von Anfang an war ich ihr naturgegeben ein Exponent ihrer Feinde, ihrer Familie.
Und da sollte ich helfen? Gegen ihren Willen, im Sinne ihrer Angehörigen, mit irgend welchem Druck zu arbeiten, versprach — denselben Mißerfolg, denselben Gegendruck, der alle bisherigen Versuche vereitelt hatte. Aber wie ihre Mitarbeit zu ihrer Änderung gewinnen?
Bereits mit 10 Jahren trieb sich das Mädchen in den Nebenräumen kleiner Kaffees und Weinstuben mit Jungens herum. Von ihrem 14. Jahr ab wußte man, daß sie fast allnächtlich durchs Fenster die elterliche Wohnung verließ. Die Familie sah den Verkehr mit Männern und erschrack über die Folgen, die drohten. Immer wieder versagte die Bewachung. Die Spionage von Detektivbüros führte zu nichts, höchstens zu dem Einen: ihr Mißtrauen auf die ganze Umwelt zu übertragen.