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Einer der wesentlichsten Fortschritte der modernen Medizin ist die Erkenntnis, daß Krankheit nicht eine Ursache hat, sondern daß eine Reihe von Bedingungen Zusammentreffen müssen, um ein Lebewesen krank zu machen. Dieser konditionale Gesichtspunkt hat viele alte Anschauungen über den gesunden und kranken Menschen umgestoßen. Er verändert auch allmählich die Instrumente, die der Arzt zur Vorbeugung und zur Heilung der Krankheit verwendet.
Als Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, vor rund 30 Jahren die Mittel prüfte, mit denen man damals Menschen, deren Organe zwar gesund waren, während die Funktionen der Organe Störungen aufwiesen, untersuchte und behandelte, stellte er fest, daß die Wissenschaft mit unzulänglichen Mitteln an Menschen arbeitete. Diese Störungen waren völlig rätselhaft. Die Wissenschaft um 1900 kannte gar nicht die Tragweite seelischer Eingriffe, die sie vornehmen ließ oder deren Unterlassung sie anempfahl, und überhaupt nicht die Eigenart des funktionell oder seelisch Kranken. Eine Gleichung, die lauter Unbekannte enthält, ist unlösbar, wenn nicht der Zufall die Lösung bringt. Auf diesen Zufall wollte Freud nicht warten und so ging er an eine sehr mühsame Arbeit, das Instrument zu ändern und das Rätsel des Seelischkranken zu lösen.
Man muß sich für einen Augenblick die Konstellation des 19. Jahrhunderts zurückrufen: Es waren die Jahrzehnte eines Helmholtz, Justus von Liebig, Rokitansky, Virchow, Pasteur, Robert Koch, Ehrlich; Augenspiegel, Seziermesser, Tierversuch, Reagenzglas, Mikroskop und Waage hatten nüchtern und klar Aufschluß gegeben über physikalische, chemische, pathologisch-anatomische, bakteriologische und toxikologische Tatsachen, Zusammenhänge und Abläufe im pilanzlichen, tierischen und menschlichen Organismus. Entscheidende Entdeckungen, auf die die moderne Medizin keinesfalls verzichten könnte, wirkten sich für Diagnostik und Therapie aus. Es lag nahe, die Ergebnisse dieser zählenden