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Sie war zwölfjährig; hatte nie eine Freundin gehabt, war aber umsomehr Freund mit ihrem vierzehnjährigen Bruder und einem ihm gleichalterigen Nachbarjungen. Als Sechsjährige schnitt sie sich die Haare ab, um den Knaben eine Gleichgeschlechtlichkeit vorzutäuschen; am liebsten spielte sie ohne Rock in der Turnhose, Über sexuelle Dinge getrauten die drei sich nie miteinander zu reden. Nun hatte sie in der Schule (sie war auf dem Lyzeum) etwas läuten gehört, auf das sie sich keinen Reim machen konnte. Heute wollte sie es zu Hause den Großen geben, faustdick, daß sie nicht an einer Antwort vorbei konnten. Sie schleuderte den Schulranzen in die Ecke und überrumpelte die Familie, die beim Mittagsbrot saß, mit dem Ausruf: „So! jetzt weiß ichs. Also: Die Väter kriegen Jnngens und die Mütter Mädchen!”
Losprustendes Lachen war die einzige Antwort, die sie auf ihre Herausforderung erhielt. Sie war empört.
Sie teilte mit der einzigen Schwester, die fünfzehnjährig war, das Bett. Sie entdeckte Blut in der Bettwäsche; es war ihr unheimlich, aber sie konnte es nicht lassen, heimlich danach zu suchen. Aber sie sagte nichts und fragte nichts, denn sie konnte die Schwester nicht „riechen”, von der sie sich nicht bemuttern lassen wollte. Die Schwester hatte stärkere Brüste bekommen; also werden es wohl die Brüste sein, die von Zeit zu Zeit bluten, dachte sie. Es ekelte ihr vor diesem Blute, und sie wollte sich davor hüten, daß es ihr wie der Schwester ergehe. Sie begann sich in den Schultern zu neigen, um ihre Brüste flach zu halten. Die Eltern waren entsetzt über die schlechte Haltung; man vermutete übergroße Schwäche, denn sie war groß und schmal für ihr Alter. Der Vater nahm sie jetzt oft mit in den Wald, da mußte sie Atemübungen machen, seinen Spazierstock zwischen die rückwärts gebogenen Arme nehmen. Zuerst machte es ihr Spaß, hernach wurde es ihr lästig. Sie spielte lieber zu Hause mit den Knaben. Mit der Zeit vergaß sie, warum sie sich in den Schultern hängen ließ; es wurde ihr zur