You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Es war der Wunsch Professor Freuds, daß keine Ehrungen und besondere Publikationen anläßlich seines 75. Geburtstages stattfinden. Auch die „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogie” beschränkt sich deshalb darauf, den Vortrag wiederzugeben, den ihr Schriftleiter am 6. Mai auf Einladung der „Ravag” in Wien im Rundfunk gehalten hat.
Sie alle haben besonders in diesen Tagen gehört, daß in unserer Stadt ein ganz mächtiger Geist wirkt und schafft, der den Ruhm Wiens in alle Welt getragen hat. Und auch, daß er ein großer Arzt für Nerven- und Geisteskrankheiten ist, der, wie man zu sagen pflegt, in den Ruhmeskranz der alten Wiener Schule ein neues Reis geflochten hat.
Und so ist es auch. Freud war ein Schüler des Wiener Psychiaters Meynert, der den Bau des Gehirns und den Zusammenhang von Bau und Arbeit des Gehirns zu erforschen lehrte. Die Erforschung des Gehirns und Nervensystems als Grundlage der Krankheitslehre beschäftigte weiter die Wiener Schule; und der zweite Nachfolger Meynerts, Wagner-Jauregg hat, wie Sie wissen, als Organiker die schwerste Erkrankung des Gehirns, die progressive Paralyse, heilen gelehrt. Auch Freud wurde auf Grund von organischen Forschungen in frühen Jahren Dozent. Er hat aber an der Wiener Universität keine Klinik, also keine Arbeitsstätte gefunden. Viel später hat er den Professorentitel bekommen.
Dieser äußere Mißerfolg lag nicht an der Persönlichkeit des Mannes; er zeigte schon in jungen Jahren Aussehen und Auftreten eines „wahren Prinzen aus Genieland”. Protektion, Erfolg, Karriere standen ihm offen. Daß es anders kam, daran war jenes innere Müssen schuld, welches einen Menschen über das bloße Talent erhebt. Es ist das innere Müssen, nicht es besser machen zu wollen als ein anderer, sondern sein Tun an der Wirklichkeit, und nur an ihr zu messen. Solche Menschen durchdenken das, was sie richtig beobachtet haben, so lange, bis sie es so erklärt haben, daß der Verlauf der Dinge mit der Erklärung übereinstimmt. Solches Finden und Richtigverst