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Die Neurose stellt eine weit schwerere Erkrankung dar, als gewöhnlich vom breiten Publikum angenommen wird. Ungeachtet dessen, daß sie im Charakter und Verhalten der an ihr Erkrankten tiefgehende Schädigungen nach sich zieht, war ihre Verbreitung unter den Menschen bis vor kurzem der Beobachtung entgangen. In Wahrheit aber handelt es sich bei der Neurose nicht um eine seltene Erkrankung, die einige „Narren” befällt, die man dann mit Achselzucken als „nervös” abtun kann, sondern sie sucht sich ihre Opfer unter uns allen und schädigt sie in wechselndem Ausmaß. Man müßte wohl lange und würde zweifelsohne umsonst suchen, wollte man den Idealtypus an Gesundheit, für den sich so viele Sterbliche halten, also einen absolut normalen Menschen, finden.
Freud hat uns gezeigt, daß die Neurose, was ihre Bedeutung und Verbreitung betrifft, einem Vergleich mit der Tuberkulose standhält. Beide sind Landplagen, denen alle zivilisierten Menschen von Kindheit an ausgesetzt sind, an denen aber nicht alle zugrunde gehen, ja viele nicht einmal „praktisch” krank sind. Meist heilt das Übel unter Hinterlassung von mehr oder weniger bedeutungslosen Narben aus; bei anderen aber kann die Erkrankung zu einem chronischen Leiden werden. Wenn die Sterblichkeit bei der einen dieser Landplagen auch unvergleichlich geringer ist als bei der anderen, so ist dafür die Zahl der Krankheitsfälle bei der Neurose