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Im Jahre 1896 erschien das Buch von Heinrich Wolgast: „Das Elend unserer Jugendliteratur”. Es griff kräftig in den Kampf gegen die „spezifische Jugendliteratur” und gegen die „Tendenzjugendschrift” ein und vertrat die Forderung, wie sie vorher auch von Herder, Herhart, Wackernagel u. A. ausgesprochen wurde, daß die Jugend kein besonders für sie geschriebenes Schrifttum brauche, und daß ein solches mit den gleichen Maßstäben zu beurteilen sei wie die Literatur überhaupt.
Die spezifische Jugendliteratur verdanken wir dem Philanthropinismus, jener pädagogischen Bewegung, die das durch Rousseau geweckte Interesse am Kind und dessen Erziehung in praktischen Versuchen pflegte. Der Begründer der Pädagogik der Philanthropen und deren Erziehungsanstalten, Joh. Bernh. Basedow, gab 1771 nach dem Vorbilde der moralischen Erzählungen der Madame de Beaumont sein „Kleines Buch für Kinder aller Stände” heraus. Das war der Stein, der eine Lawine auslöste. Zuerst trat Christian Felix Weisse mit seiner Massenproduktion auf den Plan. Seine Nachfolger zeichneten sich alle durch die gleiche Unerschöpflichkeit aus, und der Markt wurde fortgesetzt überschwemmt durch einen breiten seichten Strom von extra für die Jugend bearbeiteten Erzählungen, Romanen, Tagebüchern, Almanachen, Kinderzeitschriften mit moralischer, belehrender, religiöser Tendenz, hausbacken, romantisch, sentimental, schwungvoll-phrasenhaft, verlogen geschrieben, je nach der Einstellung des „Dichters” und je nach der Nachfrage nach den „Beispielen der Weisheit und Tugend”, „Moral in Beispielen”, „Sittenspiegel”, „Backfischchens Leiden und Freuden”, „Hersiliens Lebensmorgen oder Jugendgeschichte eines geprüften und frommen Mädchens”, „Herzblättchens Zeitvertreib”. Je nach der Zeit gehörte es zum guten Ton, den Kindern zu Weihnachten oder zum Geburtstag ein Buch von Weisse, Christoph von Schmid, Gustav Nieritz, Franz Hoffmann, Ferdinand Schmidt, Thekla von Gumpen, W. O. v. Horn, Clementine Helm usw. auf den Tisch zu legen. In