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Die kleine achteinhalbjährige Minna, Schülerin der dritten Volksschulklasse wurde von der Schule in die Erziehungsberatung geschickt, weil niemand mit ihr fertig werden, niemand sich mit ihrem sonderbarem Wesen zurechtfinden konnte. Nach dem Schulbericht war Minna in der Schule völlig unzugänglich. Sie beteiligte sich gar nicht am Unterricht, gab niemals Antworten auf Fragen und schien debil zu sein.
Ich nahm die kleine Minna in Beobachtung, um festzustellen, ob sie tatsächlich geistig zurückgeblieben sei oder ob nicht eine neurotische Störung dies nur vortäusche. Als ich die Kleine zum erstenmal in der Erziehungsberatung sah, machte sie in der Tat auch auf mich einen debilen Eindruck. Das kleine, für sein Alter sehr schwächliche und zarte blonde Mädchen stand mit ganz teilnahmslosem Gesichtsausdruck da, ließ die Unterlippe etwas herunterhängen, schielte, hatte beide Hände fest verkrampft im Muff und gab auf keine meiner Fragen eine Antwort. Nur als ich sie fragte, ob sie nicht zu mir, in meine Wohnung, kommen wolle, sagte sie sehr energisch und abweisend: „Nein”.
Sie wurde dann noch auf meinen Wunsch einige Tage auf der heilpädagogischen Abteilung der Kinderklinik beobachtet. Aber man kam zu keinem Ergebnis, weil das Kind auf Fragen nicht antwortete und renitent war. Man meinte, „das Kind scheint infolge schwächlicher und nervöser Konstitution ganz dissozial zu sein,” und empfahl einen Erholungsaufenthalt in einem Heim für einen späteren Zeitpunkt, wenn sich die ablehnende Einstellung des Kindes abgeschwächt hätte.
Minna stammte aus sehr ärmlichem und schlechtem Milieu. Der Vater war ein Handlungsvertreter, der sich mit Mühe und Not durchbrachte. Es war ihm früher einmal viel besser gegangen. Unehelicher Sohn eines hohen Staatsbeamten, hatte er sich in allen möglichen Berufen versucht, es in keinem zu etwas gebracht, wurde im Krieg Reserveoberleutnant und hatte sehr viele Beziehungen zu Frauen; im großen und ganzen war er eine richtige Hochstaplernatur. Er hatte nicht