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Das Thema, das uns heute beschäftigen soll, lautet eigentlich: „Sollen wir den Kindern Märchen erzählen, Volksmärchen und phantastische Dichtungen, Sagen, Legenden des Volksepos?” Es ist ein großes und vielseitiges Thema, das auch ein eingehendes Studium und eine detaillierte Betrachtung von verschiedenen Standpunkten aus beanspruchen dürfte. Aber mein Vortrag verfolgt nicht das Ziel, eine erschöpfende und allseitige Beleuchtung dieser Frage zu geben. Es ist nur selbstverständlich, daß diese, ihrem Wesen nach pädagogische, Frage, von einem Arzt nicht mit der gewünschten erschöpfenden Allseitigkeit ausgearbeitet werden kann. Unser Standpunkt kann nur derjenige eines Psychoanalytikers und Arztes sein, d. h. des praktischen, empirischen Psychologen, der seine Beobachtungen bei der Ausübung seines Berufes macht.
Vom psychologischen Standpunkt aus wird das uns hier beschäftigende Problem gewöhnlich in zwei verschiedene Fragen geteilt:
1. Sollen wir die Entwicklung der Phantasietätigkeit beim Kind überhaupt fördern? — und 2. wenn ja — ist das phantastische Märchen und das Volksepos das geeignete Mittel dazu?
Zur ersten Frage müssen wir von Anfang an die Bemerkung machen, daß schon die Fragestellung selbst uns, von unserem Standpunkt aus nicht ganz einwandfrei erscheint. Diese Fragestellung enthält nämlich stillschweigend eine Annahme, die im Grunde genommen irrtümlich das Kleinkind mit den Augen der Erwachsenen betrachtet und das Erleben des Phantastischen als eines Produktes des inneren Seelenlebens im Gegensatz zu den Wahrnehmungen und Eindrücken, die von der Außenwelt kommen, auffaßt. Und dazu haben wir gar kein Recht. Das Studium des Seelenlebens des Kleinkindes zeigt uns, daß beim Kleinkinde dieser Gegensatz gar nicht so scharf wahrgenommen wird, daß das Erleben des Phantastischen als Gegensatz zum Realen beim Kleinkind gar nicht vorhanden ist und daß es das eine vom anderen gar nicht immer scharf unterscheiden kann.
In der psychoanalytischen Terminologie ausgedrückt kön