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Für den unvoreingenommenen Beobachter ist es unverkennbar, daß in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten Fragen des Geschlechtslebens viel aufrichtiger als vorher behandelt werden können. Diese Verwandlung der hypokritischen Verschleierung in freie Offenheit ist sicherlich zu einem erheblichen Teil der Wirkung der Psychoanalyse zuzuschreiben. Und trotzdem ist es noch immer kaum möglich, verläßliche Angaben über die Onanie zu erhalten. Diese Art der Lust, die durch Selbstbefriedigung gewonnene, scheint demnach ein größeres, gefährlicheres Geheimnis zu bilden, als das ganze übrige Sexualleben. Um dies verstehen zu können, müssen wir die Sexualenlwicklung des Menschen ganz kurz darstellen.
Wie wir seit Freud wissen, wird die erste Periode der menschlichen Sexualentwicklung (sie fällt etwa in das dritte bis fünfte Jahr) durch einen mächtigen Verdrängungsschub abgeschlossen. Freud beschreibt dies als den „Untergang” dieser Blütezeit. Obwohl, besonders in den letzten 15—20 Jahren, sehr viel über diesen Untergang geschrieben wurde, ist unser diesbezügliches Wissen noch nicht zufriedenstellend. Sicher ist, daß das Kind vor diesem Schub — im wahrsten Sinne des Wortes — verliebt ist, und zwar der Sohn in die Mutter, das Mädchen in den Vater. Diese Verliebtheit ist aber keine glückliche; erstens bringt sie das Kind in eine äußerst qualvolle Rivalitätseinstellung gegen den ebenfalls geliebten gleichgeschlechtlichen Elternteil, zweitens kann sie nie genügend, jede Spannung beseitigend, befriedigt werden und drittens verwickelt sich das Kind durch sie in einen wüsten Knäuel von Ängsten und Befürchtungen.
Wovor das Kind sich fürchtet, bleibt manchmal dunkel, wie in Nebel gehüllt. Oft aber kann man von ihm erfahren, daß es ihm um sein Leben bange ist oder um seinen Körper; in diesem Falle würde die befürchtete Schädigung vor allem die Geschlechtsteile betreffen. Der Ursprung, die Entstehung dieser Ängste, — die durch die Psychoanalyse als Kastrationskomplex zusammengefaßt wurden — ist