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Fast ein jedes Kind zeigt im Verlaufe seiner Entwicklung zum erwachsenen Menschen hie und da Zustände, die der Erzieher als „schwierig” taxiert. Er sagt damit aus, daß ihm sein Pflegling Rätsel aufgibt, die mit keinem der gewöhnlichen Erziehungsmittel gelöst werden können. Es gibt deren eine ganze Stufenleiter vom freundschaftlichen Zuspruch und Appell an die Vernunft bis zur strengen Strafe und der Freiheitsberaubung.
Werden die Erzieher aufgefordert, über ein schwieriges Kind zu berichten, dann zeigt sich regelmäßig, daß niemand genau weiß, welche Ursachen der Erziehungsschwierigkeit zugrunde liegen. Der schlimme Zustand zeigte sich manchmal sozusagen von einem Tag auf den andern, meist jedoch nach und nach, und je mehr man gegen ihn mit Liebe und Strenge arbeitete, desto ausgesprochener kam er zum Vorschein. Schließlich ist man am „versagenden” Kinde, vielleicht aber auch über die Wirkungslosigkeit der eigenen erzieherischen Maßnahmen verzweifelt. In seiner Ratlosigkeit fragt sich der Erzieher, ob nicht der Mißerfolg bei ihm selbst liege: „Habe ich meinen Beruf verfehlt?” denkt er grübelnd, und allerlei Zweifel bedrücken und lähmen ihn.
Bevor wir die Gründe untersuchen, weshalb die Erziehung heutzutage ganz allgemein schwieriger geworden ist als früher, will ich Ihnen Beispiele vorlegen, aus denen sich allerhand Grundsätzliches über ein schwieriges Kind und dessen Behandlung sehen läßt. Sobald wir nämlich einen Erziehungsfall seelenkundlich durchschauen, ist eher Aussicht vorhanden, ihn zu meistern.
Marie Brunner (so wollen wir das vierzehnjährige Mädchen nennen) ist das älteste Kind einer gutgestellten Familie. Ihr Vater gehört dem technischen Ausschuß eines weitverzweigten industriellen Unternehmens an. Er ist oft genötigt, mit seinem Wagen für längere Zeit, manchmal für Wochen, ins Ausland zu fahren. So obliegt die Erziehung hauptsächlich der Mutter. Außer Marie ist noch ein um vier Jahre jüngerer Bruder vorhanden, dazu die kleine Schwester, die weitere drei Jahr