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Heutzutage trifft man oft Eltern, die sich Gedanken darüber machen, ob es ratsam sei, den Kindern die alten wohlbekannten Märchen vom Rotkäppchen, Schneewittchen, Hansl und Greti zu erzählen.
Manche meinen, es stünde im Widerspruch mit dem rationellen Denken, wenn man den Kindern mit solchen phantastischen und unwahren Dingen die Köpfe vollstopft. Andere wieder befürchten, daß die Märchen durch ihren oft grausamen und blutdürstigen Inhalt die Kinder allzu sehr einschüchtern könnten. Denn wahrhaftig, es gibt kaum ein Märchen, in dem nicht vom Auffressen bis zum Bauchaufschlitzen die schrecklichsten Dinge passierten. Selbst diejenigen, die das Märchen nicht gänzlich aus den Kinderstuben verbannen wollen, meinen, man müsse es gründlich bedenken, was man eigentlich den Kindern erzählen darf.
Alle diese Fragen und Bedenken stehen mit den wichtigsten und schwierigsten Problemen der Kinderpsychologie in Verbindung, und es ist auch gar nicht leicht, sie zu beantworten.
Den Rationalisten müssen wir zugeben, daß die Kinder wirklich nichts so sehr interessiert wie die Wirklichkeit. Denen, die um die Seelensruhe des Kindes besorgt sind, müssen wir zugeben, daß die grausamen Motive in den Märchen geeignet sind, den Kindern ernstlichen Schrecken zu bereiten. Am richtigsten wird aber wohl das Problem von der dritten Gruppe gestellt, denn wir müssen uns gestehen, daß es selbst heutzutage beinahe unmöglich wäre, ein Kind so aufzuziehen, daß es niemals etwas von einem Märchen zu hören bekäme. Die wichtigste Frage vom praktischen Standpunkte ist also, wann und was wir dem Kinde erzählen sollen.
Betrachten wir vorerst, was das Märchen für das Kind bedeutet. Nehmen wir z. B. das Verhältnis zwischen Wahrheit und Märchen.