You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Die Aufschlüsse, die uns die Psychoanalyse über die Psychologie des Kindes einerseits und über die Psychologie der Erzählungen, insbesondere der Volkssagen, Märchen, Mythen und Legenden andererseits gegeben hat, führen zu Problemen der Beziehung zwischen Märchenerzählen und Erziehen, die ich im folgenden erörtern möchte.
Ehe sich die Psychoanalyse mit diesen Problemen befaßte, gab es in der Kontroverse, ob man den Kindern derlei Geschichten zugänglich machen solle oder nicht, zwei Parteien: die einen neigten zu einer oberflächlichen realistischen, die anderen zu einer romantischen Betrachtungsweise. In der letzten Zeit gewannen die Realisten festeren Boden: das Maschinenzeitalter fördert die Ansicht, man solle die Kinder in der Anschauungsform ihrer Umgebung erziehen, um sie für das praktische Leben vorzubereiten; unsere technische Kultur biete genügend Anregungen für die Phantasie, um die einfältige, wunderliche, ja oft läppische Vorstellungswelt der Märchen zu ersetzen. Die Romantiker hingegen verteidigen unser altes Erbgut an Sagen und Märchen, indem sie das psychologische Argument ins Treffen führen, daß diese Erzählungen eine Lücke in unserem Leben ausfüllen, eine Zuflucht aus dem lärmenden Alltag bieten und in unserem allzu praktischen und realen Dasein Wunscherfüllungen ermöglichen. Diese Argumente sind so alt wie die Märchen selbst. Es gab früher, genau wie heute, Leute, die sagten, Märchen — wie etwa die „Mother Goose”-Reime — seien nicht gerade das Richtige für die Kinderstube; andere wieder — wie z. B. Sam Johnson — waren der Ansicht, Kinder wollten nicht immer nur von Kindern hören, sondern hätten lieber Erzählungen über Riesen und Burgen und über Dinge, die spannend und anregend für ihren jugendlichen Geist seien. An beiden Feststellungen