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Ich wurde von den Eltern der fast zehnjährigen Lisa gebeten, den Nachhilfeunterricht zu übernehmen, um diesem überaus ängstlichen Kind die Aufnahmsprüfung ins Gymnasium zu ermöglichen. Schon bei der ersten Zusammenkunft zeigte es sich, daß die von der Mutter erwähnte Ängstlichkeit in der Schule real begründet war, denn dieses Kind besaß nur sehr mangelhafte Kenntnisse. Ich beschloß, dieser Zusammenarbeit eine Probezeit voranzuschicken, da ich nicht sicher war, das Kind in dem zur Verfügung stehenden Zeitraum von dreieinhalb Monaten zur Prüfung vorbereiten zu können. Dieses Ziel zu erreichen, schien mir vor allem durch die ungewöhnlich schwere Schreibstörung fast unmöglich. Als Grund dieser Störung wurde mir angegeben, daß das kleine Mädchen Linkshänderin war und im Alter von ungefähr sieben Jahren, anläßlich eines Schulwechsels, von der Lehrerin gezwungen wurde, mit der rechten Hand zu schreiben. Die Eltern schildern das Kind als unerhört ehrgeizig und ebenso faul. Lisa möchte, ohne sich anstrengen zu müssen, immer die Erfolgreiche, Bewunderte sein. Die Mutter bezeichnet das Kind in mancher Hinsicht als unintelligent und bittet mich im Lauf der Besprechungen immer wieder, achtzugeben, ob an diesem Kind nicht etwas pathologisch Auffälliges wäre. Als ganz kleines Kind soll Lisa von ungewöhnlicher Intelligenz gewesen sein, so daß sie jedem dadurch auffiel und größte Bewunderung erregte. Sie zeigte eine ausgesprochen logische Denkweise, indem sie als Vierjährige fragt: „Warum sagt man eigentlich das blaue Meer?” Auf die Antwort, daß sich der Himmel im Wasser spiegle und so diese Bezeichnung bedinge, sagt die Kleine: „Komisch, wenn ich ein rotes Kleid anhab’ und in den Spiegel schau', sagt man nicht der rote Spiegel.”
Aus diesem denklustigen und lebendigen Kind wurde plötzlich ein scheues und zurückhaltendes und die Eltern bringen den Zeitpunkt für die plötzliche Umwandlung mit der Erkrankung der um zwei Jahre jüngeren Schwester, Greter1, in Zusammenhang, die gezwungen wa