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Wir alle kennen die Bedeutung der langen menschlichen Kindheit, die wir als die biologische Grundlage des Ödipuskomplexes und der Über-Ich-Entwicklung betrachten. Heute möchte ich über jene sekundäre Verlängerung der Kindheit sprechen, die für unsere Kultur bezeichnend ist. Ich meine darunter die Verlängerung der Vorbereitungszeit, die zur Erlangung gesellschaftlicher Reife notwendig ist. Ohne Zweifel besteht ein inniger Zusammenhang zwischen der verlängerten Kindheit und der Rolle, die die Arbeit als ein lebenslänglicher systematischer Kraftaufwand in unserer Lebensführung erhalten hat. In einem Vortrag über Versagen und Gewähren2) habe ich bereits darauf hingewiesen, daß die Lebensweise des Kulturmenschen ein in frühester Kindheit einsetzendes systematisches Training zur Ertragung von Spannungssteigerungen erfordert. Diese systematische Erziehung, die bereits mit der Einhaltung geregelter Stillzeiten einsetzt, kann auch als eine ununterbrochene Reihe kleiner, die Ablösung von der Mutter fördernder Traumen aufgefaßt werden, denen das Kind von Anfang an mit einer weitgehenden Regelmäßigkeit ausgesetzt wird. Das pädagogische Problem ergibt sich aus dem Gegensatz zwischen diesen die Ablösung von der Mutter bezweckenden Erziehungsmaßnahmen in der frühen Kindheit, und der moralischen Verpönung der Abwendung von den Eltern in der bedeutend verlängerten Abhängigkeitsperiode des größeren und erwachsenen Kindes. Was also in der frühkindlichen Erziehung angestrebt wird, wird in der späteren Kindheit sozusagen wieder rückgängig gemacht.
Ein Vergleich mit primitiven Verhältnissen wird die Bedeutung des erwähnten Umstandes besser hervortreten lassen. (Ich möchte aber vorher bemerken, daß ich hierbei unter „primitiven Verhältnissen” einen recht summarischen, besser gesagt, schematischen Begriff verstehe, also etwas, was bei einer Mehrzahl von primitiven Völkern so ist, bei manchen aber auch anders sein kann.)
Nach einer verhältnismäßig langen Säuglingszeit, in der das Kind förmlic