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Bevor ich die folgenden Beobachtungen über ein elfjähriges Mädchen mitteile, möchte ich kurz eine deutliche und sehr lehrreiche Erinnerung einer fünfunddreißigjährigen Frau erwähnen, die bei ihr im Laufe der psychoanalytischen Behandlung auftauchte und auf den Gegenstand dieser kleinen Mitteilung direkten Bezug hat.
Frau Z. erzählt mir, daß sich ihr Charakter etwa im zwölften Lebensjahr vollständig veränderte. Sie war vorher so, wie ein Kind sein soll: lustig, lebensfroh, überschäumend und offen. Die Eltern hatten ihr die üblichen Märchen über die Herkunft der Kinder erzählt: Man finde sie im Kohl, die Engel legen sie auf das Fensterbrett, die Störche mischen sich drein usw. Plötzlich erfährt sie gelegentlich eines Gesprächs, das nicht für ihre Ohren bestimmt war, daß alle diese Erklärungen nichts als Lügen sind und daß die Kinder aus dem Bauch der Mutter kommen. Wie soll man ihre Enttäuschung beschreiben! Ihre eigenen Eltern, denen sie blind vertraute, hatten sie belogen.
Sie konnte ihnen den Betrug niemals verzeihen und „tat sie seither in Acht und Bann”. Sie wurde dabei immer nervöser und verschlossener und das in diesem kritischen Augenblick entstandene Mißtrauen sollte sich in der Folge bis zu einem solchen Maße steigern, daß es zum Grundsymptom einer schweren Neurose wurde.
Wenden wir uns jetzt unserem Fall zu, einem hübschen elfjährigen Mädchen namens Colette, die mir von ihrer Mutter gebracht wird. Die Mutter ist es müde, ohne jeden Erfolg gegen die Nervosität des Kindes anzukämpfen, und bittet mich, Abhilfe zu schaffen.
Seit einiger Zeit ist Colettes Charakter vollständig verändert. Sie ist ungehorsam, aggressiv und widerspenstig geworden und neigt zum Lügen; sie lehnt sich gegen jede Autorität auf. Sie schläft schlecht, träumt viel, ißt wenig und beklagt sich über vielfältige und verschiedenste Schmerzen. Darüber hinaus zeigt sich bei ihr eine Unart, die von Tag zu Tag schlimmer wird: sie ist neugierig. Sie entwickelt eine unvorstellbare Neugierde, die sich in