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Seit einer Reihe von Jahren wird erbittert darüber gestritten, ob Freuds Selbstdarstellung den geschichtlichen Tatsachen entspricht oder ob es sich bei ihr um eine Legendenbildung handelt. Freud wird vorgeworfen, er habe sich einen Mythos des einsamen Helden geschaffen, der genaueren Nachforschungen nicht standhält. Als Prototyp für ähnliche Legenden gilt seine „Selbstdarstellung“1 und dort vor allem seine Schilderung der Vorträge über männliche Hysterie, die er am 15. Oktober und am 26. November 1886 vor der Wiener Gesellschaft der Ärzte gehalten hatte.2 Freud beklagt die üble Aufnahme, die er dort gefunden habe und erzählt, die einmütige Ablehnung, auf die er gestoßen sei, habe ihn dazu veranlaßt, sich aus der Gesellschaft der Ärzte zurückzuziehen; er habe sie seit jener Zeit nie wieder besucht.3
Zumindest die letzte Aussage trifft nicht zu. Freud hat die Verbindung zur Gesellschaft der Ärzte nachweislich aufrechterhalten. Trotz dieser Unstimmigkeit ist nicht eindeutig geklärt, wie die Diskussion, die auf Freuds Vortrag gefolgt war, einzuschätzen ist. Zwei Deutungsmuster stehen sich gegenüber. Nach der Auffassung, die sich Freuds eigener Sicht anschließt, hat er revolutionäre Neuerungen vorgetragen, wodurch die damals gängigen Theorien über die Hysterie umgestoßen wurden. Gegen sie wurden nur primitive Einwände vorgebracht, die eine irrationale Abwehr bezeugen, weshalb danach gefragt werden muß, welche Emotionen das klare Urteil getrübt haben mögen. Die zweite Lesart stellt die Voraussetzung dieser Auffassung in Frage. Sie behauptet, daß die Einwände gegen die von Freud vorgetragene Ätiologie der Hysterie berechtigt waren. Wenn aber die Vorwürfe zutreffen, daß Freuds Vortrag nichts Neues enthielt, er nur bekannte Thesen wiedergegeben habe, die, wie ihm zurecht vorgehalten wurde, noch nicht genügend überprüft worden seien, um sich für oder gegen sie zu entscheiden, dann muß allerdings danach gefragt werden, wie Freuds übertriebene Gefühlsreaktion zu erklären ist.