You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In seinem Essay über „die vaterlose Gesellschaft“ versucht Paul Federn (1919) die Revolutionen, mit denen der erste Weltkrieg endete, einem psychoanalytischen Verständnis zu erschließen: Wie läßt es sich verstehen, daß „dieselben Menschen, die so lange sich ruhig dem Zwange angepaßt hatten, (…) plötzlich unersättlich, lüstern geworden“ sind „nach einer Erneuerung“ und daher „ein eiliges Tempo der Revolution“ verlangen (S. 65 f.)? Wenn sich „dieser revolutionäre Radikalismus“ heute in seiner schöpferischen Form „in den Arbeiter- und Soldatenräten“ zeigt, die im Gegenzug zum Parlament als „dem übrig gebliebenen Rest des gestürzten Obrigkeitsstaates“ gebildet worden sind (1919, S. 66), in seiner zerstörerischen Form dagegen in den „riesenhaften Streiks“, unter denen vor allem das hungernde Volk leidet, dann stellt sich Federn zufolge die Frage danach, welche „innere Erschütterung“ dazu geführt hat, daß die Massen sich in der Gegenwart in einem solchen Aufruhr befinden.
Beantworten lasse sich diese Frage nur in dem Maße, wie man zuallererst die Frage stelle, „durch welche Kräfte“ denn überhaupt „die frühere normale, ruhige Einordnung des Menschen in die Gesellschaftsordnung erreicht“ worden sei (1919, S. 67). Wie Federn zu zeigen versucht, ist dafür die „Gewaltmacht des Staates“ verantwortlich, die den Einzelnen „mittels Militär und Polizei“ oft „gegen seine Überzeugung“ gezwungen hat, „meist gegen sein Sonderinteresse die bestehende Ordnung einzuhalten“. Auf diese Weise sei „die knechtische Denkungsart“ entstanden, „welche die nun gestürzte Ordnung charakterisierte“ (1919, S. 67). Für alle „konservativen, staats- und kaisertreuen Parteien“ sei ein „soziales Ehrfurchtsgefühl vor den bestehenden Einrichtungen“ charakteristisch, das vermittels der Familie über „die Stellung des Kindes zum Vater“ einsozialisiert werde, die somit „die Grundlage allen Autoritätsrespekts“ darstelle (1919, S. 68).