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Die Anwendung des psychoanalytischen Bezugsrahmens auf die Analyse und das Verständnis kultureller und gesellschaftlicher Phänomene sind so alt wie die Psychoanalyse selbst. Bekanntlich hat Sigmund Freud sein eigenes, häufiger auch von ihm selbst als „spekulative Neigung“ bezeichnetes Erkenntnisinteresse nur schwer im Zaum halten können: mit dem Ergebnis fruchtbarer Aufsätze zur Entstehung, Funktion, Entwicklung und Bedeutung von Kultur und Gesellschaft.1 Sie gelten bis heute als ein zentraler Bestandteil der psychoanalytischen Theorie, ohne welche die Breitenwirkung der Psychoanalyse auf andere Wissensgebiete nicht möglich gewesen wäre. Freilich hat die Kulturtheorie Freuds, durch kühne Annahmen und Gedankenassoziationen charakterisiert, zahlreiche Gegner gefunden. Unabhängig aber von der Haltbarkeit seiner Hypothesen im einzelnen nach dem heutigen Stand des Wissens hat Freud damit für die Disziplinen den Weg gebahnt, die heute als „Ethnopsychoanalyse“, „Psychohistorie“ oder „Soziopsychoanalyse“ bezeichnet werden.
Im folgenden sollen zwei historische Texte der Soziopsychoanalyse, Paul Federns im März 1919 geschriebener Aufsatz „Zur Psychologie der Revolution: die vaterlose Gesellschaft“ und Gérard Mendels 1968 formulierter Text „Die Revolte gegen den Vater; eine Einführung in die Soziopsychoanalyse“ (dtsch. Frankfurt ) ins gegenwärtige Gedächtnis gerufen und diskutiert werden. Beide Texte sind Beispiel für die Anwendung der Theorie des Ödipuskomplexes auf Veränderungsprozesse in hochzivilisierten Gesellschaften. Gérard Mendel wendet die psychoanalytische Theorie auf das Verständnis der Jugendrevolte 1968 an, Paul Federn analysiert die Entstehung der revolutionären Arbeiter- und Soldatenräte in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg. Während Federn sich auf die sieben Jahre zuvor von Freud in „Totem und Tabu“ (GW IX) formulierte Theorie des vorgeschichtliche