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Von den heute vorliegenden etwa ein Dutzend Wilhelm-Reich-Biografien betreiben durchaus nicht alle Verklärung oder Verdammung des umstrittenen Arztes und Sexualforschers. Einige brauchbare Lebensbeschreibungen stehen zur Verfügung, und es bedarf gesteigerter Anstrengung, will man der Reich-Biografik bisher unbekannte Einzelheiten oder neue kritische Gesichtspunkte hinzufügen. Schließlich ist es nach Reichs letztem Willen nicht möglich, die vermutlich wichtigste Quelle, seine nachgelassenen Papiere, vor dem Jahr 2007 einzusehen.
Was an Erkenntniszuwachs dennoch erreichbar ist, zeigt Karl Fallends Arbeit über „Wilhelm Reich in Wien“, die vor allem auf Recherchen in den Nachlässen einiger in die USA emigrierter Psychoanalytiker und auf der Befragung noch lebender Zeitgenossen Reichs beruht. Mit beachtlicher Detailfülle und mit dem erforderlichen Sinn für sozialgeschichtliche Zusammenhänge, die kulturelle Situation im „roten“ Wien der Zwanziger Jahre beschreibt Fallend die Zeit von Reichs beginnendem Medizinstudium 1918 bis zu seiner Übersiedlung nach Berlin im November 1930.
Im „Akademischen Verein jüdischer Mediziner“ gründete Reich mit Otto Fenichel, dem intimsten Freund seiner Wiener Jahre, und einigen anderen Studierenden ein „Seminar für Sexuologie“, eine Art Studienzirkel für Psychoanalyse, in dem Reichs Ausbildung zum Psychoanalytiker begann.
Der Wiener Arbeiteraufstand vom Juli 1927 war dann für den inzwischen erfolgreichen Analytiker, Arzt und Schriftsteller Reich das entscheidende politische Bildungserlebnis, das ihn zum Eintritt in die Sozialdemokratische Partei bewog, dem zwei Jahre später, nicht ohne Einfluß seiner kommunistischen Freundin Marie Frischauf, der Eintritt in die Kommunistische Partei folgte. Mit Marie Frischauf gründete er 1928 die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“, die Anfang des folgenden Jahres in den Praxen von sechs Wiener Ärzten „Proletarische Sexualberatungsstellen“ eröffnete. Hierbei scheint der Berline