You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Unter dem Titel Nacktheit und Scham hat der Ethnologe und Philosoph Hans Peter Duerr den ersten Band einer auf insgesamt vier Bände angelegten Kritik der Zivilisationstheorie (Der Mythos vom Zivilisationsprozeß) veröffentlicht, der unmittelbar nach Erscheinen eine scharfe Kontroverse zwischen dem Autor, dem explizit angegriffenen Norbert Elias (Über den Prozeß der Zivilisation) und einem beschränkten Apologeten von Elias (Ulrich Greiner) ausgelöst hat. Worum geht es in Duerrs Buch, und was macht den Kern der aktuellen Kontroverse aus?
In Nacktheit und Scham zeigt Duerr - ein Fanatiker des Empirismus - überzeugend, daß die bekannte These, wonach erst der neuzeitliche Mensch das Produkt einer sozial erzwungenen Triebunterdrückung und Affekteinschränkung sei, während „früher“ alles viel freier und zwangloser zugegangen sei, nicht stimmt. Denn Duerr kann anhand von sorgfältig zusammengetragenem und schwer zu widerlegendem ethnologischen und historischen Material nachweisen, daß in den sogenannten archaischen oder vorzivilisierten Gesellschaften (sei's in denen der Antike und des Mittelalters, sei's in denen der „Dritten Welt“) Trieb- und Affektkontrolle keineswegs lockerer waren und sind als in „zivilisierten“ Gesellschaften. Scham und Schamempfinden im Angesicht des nackten Körpers, sagt und belegt Duerr, sind nicht Errungenschaften tatsächlich oder vermeintlich zivilisierter Kollektive, wie Elias behauptet, vielmehr sind sie Merkmal aller uns bekannten Sozietäten: „… es gehört zum Wesen des Menschen, sich seiner Nacktheit zu schämen, wie immer diese Nacktheit auch historisch definiert sein mag“ (S. 12).
Duerr geht aber noch weiter, indem er die These aufstellt - eine These, deren Evidenz prima vista unbestreitbar ist -, daß gerade in heutigen hochzivilisierten Gesellschaften die Triebkontrolle erheblich zurückgegangen und die Schamgrenze gesenkt worden ist. Während in „primitiven“, meist sehr kleinen und deshalb überschaubaren („face to face“) Gesellschaften die unmitte