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Wenn ich Ihnen ein Jahr aus dem 83-jährigen Leben Freuds vorstelle, wie geschieht das? Trage ich Ihnen dieses Jahr vor, so als bestünde es, als setzte ich es rekonstruktiv aus den Bruchstücken der Überlieferung zusammen, vielleicht mit neuen Übergängen und Fragen, verbinde ich dies mit sorgfältigen Recherchen bis zu riskanten Schlüssen - oder erfinde ich es für mich, für Sie? Geschichte ist unwiderruflich vergangen; sie entsteht, wenn sie neu zu Bewußtsein wird.
Indem ich an dem Jahr 1887 arbeite, lese, denke, schreibe, erfasse ich etwas im Vorübergehen, im Fluß meiner Zeit: zwei Zeiten berühren sich, lassen sich erkennen, durchdringen einander oder lassen sich kalt, erkennen sich nicht. In dem Maße, wie ich weiterdenke, entfernt sich das Vorgedachte und wird zu meiner eigenen, winzigen Geschichte.
Dieses Jahr 1887 ist also nicht festgelegt, nicht ein für alle Mal erfaßt, eingefroren. Es entsteht in mir, doch, da ich in einem wissenschaftlichen Kontext und innerhalb meiner eigenen Zeit stehe, also 1987, da ich als Psychoanalytiker, Lehrer, Therapeut oder Schriftsteller, wohin auch immer man den Akzent setzt, denke, entsteht eine zeitbedingte und wissenschaftsparadigmatisch bedingte Lesart. So vorübergehend sie im Zeitfluß ist, so ist sie insofern notwendig, da sie für einen Augenblick festschreibt, was meine Vorstellungen erarbeitet haben.
Dies erklärt von allem Anfang an, warum Biographien immer wieder neu geschrieben werden. Sie wissen, daß sophokleische Dramen über die gesamte Kulturgeschichte neu übersetzt, nachempfunden, neu gedichtet, man darf auch sagen: neu erfunden werden.
Bei den Biographien über Menschen der Neuzeit allerdings gibt es die Hoffnung auf mehr Materialien, auf überraschende Funde, auf Veröffentlichungen aus den offiziell gesperrten Freud-Archiven, die gegen Wissenschaftler