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Das Jahr 1923 darf vielleicht als Geburtsjahr des Neomarxismus gelten. Unter Neomarxismus sei eine theoretisch-wissenschaftliche Formation verstanden, die - als Antwort auf das praktische Scheitern der deutschen (und europäischen) Arbeiterbewegung am Ausgang des Ersten Weltkriegs - die seit Marx und Engels tradierte Gestalt des Historischen Materialismus mit den Erkenntnissen der Freudschen Psychoanalyse zu verbinden trachtete.
1923 verebbte die revolutionäre Welle in Deutschland, die 1917 durch den bolschewistischen Umsturz in Rußland, 1918/19 durch die Niederlage der deutschen Armeen, die Abdankung des letzten Hohenzollernkaisers, die Ausrufung der Republik, die Gründung einer Kommunistischen Partei und den Versuch, rätesozialistische Regime zu etablieren, mächtige Impulse erhalten hatte, endgültig. Die im Oktober 1923 von Stalin ausgegebene Parole von der „herannahenden Revolution in Deutschland“1, die durch Massenstreikaktionen und einen militärischen Aufstand der bewaffneten Arbeiterschaft ins Werk gesetzt werden sollte, entpuppte sich rasch als illusionär. Das von der Kominternführung angeheizte Unternehmen, die Verhältnisse in Deutschland revolutionär umzuwälzen, um auf diese Weise die als tödlich erkannte Isolierung der russischen Revolution zu durchbrechen, endete mit einer verheerenden Niederlage der deutschen Linken, die sie in anhaltende Ohnmacht und Selbstzerfleischung stürzte.2
Im selben Jahr erschienen zwei Bücher, die für die Herausbildung des Neomarxismus von erheblicher - wenn auch vermutlich nur indirekter - Bedeutung waren. Mehr noch als Karl Korschs Marxismus und Philosophie (das bezeichnenderweise in Grünbergs Archiv für Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung verlegt wurde) gewann Georg Lukács' Geschichte und Klassenbewußtsein (das in Wieland Herzfeldes Malik Verlag gedruckt wurde) Einfluß auf die Marxismus-Diskussion der zwanziger und dreißiger Jahre. Beide Schriften wandten sich entschieden gegen die Marx-Orthodoxie der Zweiten un