You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Am Abend des 23. September 1939 erfuhr ich durch eine Radiomeldung in New York, daß mein Bruder Sigmund Freud im Londoner Exil gestorben war. Während des größten Teils seines langen aktiven Lebens war er niemals ernsthaft krank gewesen, abgesehen von dem Leiden, das ihn vor sechzehn Jahren befiel und das schließlich seinen Tod herbeiführte.
Meine Erinnerungen an meinen Bruder reichen zurück bis zum Jahr 1864, als er ein Junge von acht Jahren war. Ich war fast drei Jahre jünger als er, aber meine Mutter hat mir viele Geschichten aus seiner frühen Kindheit erzählt. Sigi und ich wurden in Freiberg geboren, einer Kleinstadt in Mähren, wo unser Vater eine Textilfabrik besaß. Viele Jahrzehnte später wurde unser Geburtshaus von der tschechoslowakischen Regierung mit einer Gedenktafel versehen, die seit dem März 1939 sicherlich abgenommen worden ist. Als Sigi drei war, siedelte die Familie nach Wien um, wo wir eine große Wohnung in der Glockengasse bezogen.
Meine Mutter erhoffte sich natürlich große Dinge von ihrem Erstgeborenen und hütete das Andenken an Vorfälle, die ihren Hoffnungen Nahrung gaben, wie einen Schatz. So erinnerte sie sich etwa daran, wie der vierjährige Sigmund einmal einen Stuhl wertlos gemacht hatte, indem er ihn mit seinen schmutzigen Händen befleckte, und sie anschließend tröstete: „Mach' dir keine Sorgen, Mutter. Wenn ich groß bin, werd' ich ein berühmter Mann sein, und dann kauf ich dir einen neuen Stuhl.“ Eines Nachmittags schaute in einer Konditorei ein völlig fremder Mann den Jungen an und rief: „Sind Sie eine glückliche Mutter! Eines Tages wird die ganze Welt von diesem kleinen Kerl hier sprechen.“ Damals erzählte sie niemandem von dieser Prophezeiung, aber tief in ihrem Herzen glaubte sie daran, und in späteren Jahren, als ihre Weissagung sich erfüllt hatte, kam sie oft auf diese Geschichte zu sprechen. Es gab noch andere Vorfälle und Vorahnungen. Vielleicht spielte das Vertrauen meiner