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Sigmund Freud, der am 6. Mai vor einhundert Jahren geboren wurde, wies als erster den übermächtigen Einfluß von Eltern auf die menschliche Psyche nach. Es scheint uns daher angezeigt, dieses Ereignis mit einem Beitrag von einer Nichte Freuds zu würdigen, die uns in ihrer Erinnerung an Freuds Eltern diese - und vor allem seine Mutter - in einem ganz anderen Licht zeigt, als er es selbst und seine Biographen getan haben. Judith Bernays Heller ist die Tochter von Freuds Schwester Anna, die Ely Bernays heiratete, den Bruder von Freuds Ehefrau Martha. Judith Bernays Heller wurde in Wien geboren, hat aber den größten Teil ihres Lebens in den USA verbracht. Sie besuchte hier das Barnard College und unterrichtete einige Jahre an verschiedenen Schulen in New York. Ihr aus Österreich gebürtiger Mann, Dr. Victor Heller, arbeitete bis zu seinem Tod als Wirtschaftswissenschaftler für die Bundesregierung.
Bevor ich mich daran mache, von meinen Eindrücken von den Eltern Sigmund Freuds - meinen Großeltern mütterlicherseits - zu berichten, sollte ich vielleicht erst von mir selbst erzählen.
Seit meinem sechsten Lebensjahr pendelte ich zwischen der Alten und der Neuen Welt hin und her. Das begann damit, daß mein Vater und meine Mutter mich und meine Schwester Lucy in unserer Geburtsstadt Wien zurückließen, als sie zusammen mit unserem jüngeren Bruder in die Vereinigten Staaten auswanderten. Vater hoffte, dort bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu finden. Meine Schwester wurde bei der Tante und dem Onkel untergebracht und ich wurde von unseren Großeltern mütterlicherseits versorgt, dem Vater und der Mutter von Sigmund Freud, dem Bruder meiner Mutter.
Ein Jahr später wurden wir nachgeholt. Unter der Obhut von Tante Paula, einer Schwester meiner Mutter, reisten wir in die Vereinigten Staaten. Mutter bekam regelmäßig Nachrichten von ihren Brüdern und Schwestern. Sie schilderte uns Wien immer mit einer gewissen Wehmut, die die Stadt in einen besonderen Glanz hüllte. Ich gab sogar mein er