You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In den Jahren zwischen 1891 und 1897 veröffentlichte Freud drei Monographien über infantile Zerebrallähmungen: 1891 zusammen mit Oscar Rie die „Klinische Studie über die halbseitige Cerebrallähmung der Kinder“, 1893 das Buch „Zur Kenntniss der cerebralen Diplegien“ und 1897 als Summe dieser Untersuchungen die Arbeit „Die infantile Cerebrallähmung“.2 Alle drei Schriften umfassen jeweils zwischen 200 und 300 Seiten und zeichnen sich durch eine praktisch lückenlose Berücksichtigung der internationalen zeitgenössischen Literatur zu diesem Thema sowie durch eine gute Lesbarkeit aus.
Mit den infantilen Zerebrallähmungen kam Freud in Berührung während seiner Tätigkeit am „I. Öffentlichen Kinderkrankeninstitut“, das seinerzeit von Max Kassowitz geleitet wurde; dieser hatte Freud 1886 eine Stelle an einer neu eingerichteten kinderneurologischen Abteilung angeboten.3 Die Schriften, die im Zusammenhang mit dieser Arbeit Freuds entstanden, wurden teilweise enthusiastisch rezipiert (hauptsächlich in Frankreich durch Marie und Raymond; vgl. Freud 1986, S. 67), trafen aber auch auf entschiedene Ablehnung, etwa in Belgien, wo Gehuchten kritisierte, Freuds Auffassung der Zerebrallähmungen „… sei eine künstliche Konzeption, der die anatomisch-pathologische Grundlage fehle.“ (Ellenberger 1973, S. 654, soweit nicht anders angegeben, stammen alle Hervorhebungen in Zitaten vom Verfasser). Mit diesem Einwand ist das Hauptproblem gekennzeichnet, mit dem Freud sich in seiner Auseinandersetzung mit den zentralnervösen Kinderkrankheiten konfrontiert sah.
Bisher sind diese Studien, soweit ich sehe, nur wenig untersucht worden. Den an Freud aus der Perspektive der Psychoanalyse Interessierten lagen sie inhaltlich zu ferne - Freud selbst und die Herausgeber seiner Schriften haben dieses Verständnis durch ihre Editionspraxis unterstützt -, den Medizinern scheint die in ihnen enthaltene Kritik an der medizinischen Forschung