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Im Juli 1989 fand in Leipzig ein internationales Symposium zum Thema „Geschichte und Gegenwartsprobleme der Psychotherapie - zur Stellung Freuds und der Psychoanalyse“ statt. In meinem dortigen Beitrag habe ich erwähnt, daß Sigmund Freud glaubte, Begründer einer neuartigen Einheitswissenschaft zu sein, wobei er von der Überzeugung ausging, Individuum und Gesellschaft, Moral und Religion, Wissenschaft und Kunst, die Totalität der Kultur insgesamt einer einheitlichen wissenschaftlichen Methode unterworfen zu haben.1
Helmut Thomä, der auf selbiger Tagung Freuds Beziehungen zum Positivismus unterstrich, verwies mich in diesem Zusammenhang auf einen im Ostwald-Archiv der Akademie der Wissenschaften der DDR aufbewahrten, etwa 1911 u. a. von Freud unterzeichneten Aufruf zur Gründung einer „Gesellschaft für positivistische Philosophie“.2 Ferner machte er mich auf Veröffentlichungen von Joachim Ph. Kerz aufmerksam. Letzterer hatte dieses Dokument, auf dessen Existenz er in Arbeiten des Physikers und Wissenschaftshistorikers Friedrich Herneck gestoßen war3, in die Freud-Diskussion eingebracht.
In Kenntnis der Arbeiten Hernecks aus den Jahren 1958, 1961 und 1966 sowie des Artikels „Ideologiekritik oder Naturwissenschaft von der Seele. Das Verhältnis von Psychoanalyse und Positivismus“ von Kerz4, halte ich dafür, den meines Wissens erstmals vollständigen Abdruck dieses Dokuments durch folgende Überlegungen zu begleiten:
Aus der Tatsache, daß Freud diesen Aufruf unterzeichnete, ergeben sich neue Aufgaben für die biographische Forschung. So müßte geklärt werden, wer ihn zur Unterzeichnung aufforderte. Es wäre zu prüfen, ob es Ernst Mach selbst war, der bekanntlich seit 1895 den Lehrstuhl für Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften in Wien innehatte. Ferner käme der mit Freud privat verkehrende Physiker und sozialdemokratische Parteiführer Victor Adler als Vermittler in Frage, da er zu Machs Freundeskreis zählte.5 Desweiteren müßte geklärt werden, ob Freud zu anderen Unt