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Freud gehört wahrscheinlich zu den furchtlosesten Geistern unseres Jahrhunderts. Diese Tugend galt seit jeher eher als ein Vorzug des Praktikers denn des Gelehrten und Denkers. Um zu handeln, braucht es Kühnheit; offenbar ist noch unermeßlich viel größerer Mut erforderlich, um zu denken. So viele halbherzige Geister, bescheidene Gedanken und zaghafte Hypothesen trifft man in der Wissenschaft auf Schritt und Tritt an, daß man zu glauben beginnt, Vorsicht und das Verfolgen fremder Spuren seien geradezu zwingende Attribute offiziellen akademischen Wissens.
S. Freud trat von Anfang an als Revolutionär auf. Die Opposition, die die Psychoanalyse in den Kreisen der offiziellen Wissenschaft hervorrief, zeugt unbestreitbar davon, daß hier jahrhundertealte Traditionen bürgerlicher Moral und Wissenschaft kühn verletzt und die Grenzen des Erlaubten überschritten wurden. Das neue wissenschaftliche Denken und seine Schöpfer mußten Jahre allgemeiner Ablehnung erleben; gegen die neue Lehre erhob sich in weiten Kreisen der Gesellschaft aktiver Widerstand und offene Feindschaft. Freud sagt selbst, daß er „zu denen gehörte, die ‚am Schlaf der Welt gerührt haben‘, nach Hebbels Ausdruck“ [GW X, S. 60]. So war es tatsächlich.
Der Lärm um die neue Lehre legte sich allmählich. Heutzutage wird eine neue Arbeit zur Psychoanalyse nicht mehr derart feindselig aufgenommen. Weltweite Anerkennung hat, wenn nicht vollständig, so doch zum Teil, die frühere Hexenjagd abgelöst, und um die neue Lehre ist eine Atmosphäre angespannten Interesses, tiefer Aufmerksamkeit und hartnäckiger Neugier entstanden, die ihr nicht einmal mehr ihre prinzipiellen Gegner verweigern können. Die Psychoanalyse hat längst aufgehört, nur eine der Methoden der Psychotherapie zu sein, sondern ist zu einem erstrangigen Problem der allgemeinen Psychologie und Biologie, der Kulturgeschichte und aller sogenannten „Geisteswissenschaften“ erwachsen.
Insbesondere bei uns in Rußland erfreut sich der Freudismus nicht nur in wissenschaft