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Als sich Freud 1909 und 1910 zum ersten Mal über den Narzißmus äußerte, bezog er sich auf Untersuchungen und Mitteilungen von Isidor Sadger.1 Bisher ist nichts darüber bekannt, in welcher Weise Sadgers Beiträge in Freuds Verständnis des Narzißmus eingeflossen sind. Dieser Frage wird hier nachgegangen.
Freuds erste Bemerkungen beziehen sich auf einen Teilaspekt des 1914 eingeführten Narzißmusbegriffs, nämlich die Liebe zum eigenen Ich und zu Objekten, die dem eigenen Ich ähnlich sind. Diese Bedeutungskomponente hatte ein wechselvolles Schicksal. In Freuds Theorie erlangte sie keine hervorgehobene Position, obwohl sie zunächst das „stärkste Motiv“ für die Einführung des Narzißmus gebildet hatte.2 Heute findet sich dieser Teilaspekt des Narzißmus vielfach verfeinert und vertieft in Kohuts Darstellung der narzißtischen Übertragungen, insbesondere der alter ego- oder Zwillingsübertragung wieder, in der das Bedürfnis nach „essential alikeness“ eine wichtige Rolle spielt.3 Insofern wurde in der vorliegenden Arbeit auch versucht, die am weitesten zurückreichenden Wurzeln einiger zeitgenössischer Vorstellungen vom Narzißmus freizulegen.
Die erste bislang bekannte Äußerung Freuds findet sich im Protokoll der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung vom 10. November 1909. An diesem Abend hatte Sadger einen Fallbericht vorgetragen und laut Protokoll ausgeführt, daß bei der Homosexualität der „Autoerotismus in der Form des Narzißmus“ eine große Rolle spiele. Die Liebesobjekte (männlicher) Homosexueller würden Züge der eigenen Person tragen.4 Freud knüpfte in der Diskussion an Sadgers Beobachtung an. Freuds Bemerkung ist in Protokoll Nr. 86 folgendermaßen wiedergegeben:
„Neu und wertvoll scheine die Bemerkung Sadgers, die sich auf den Narzißmus beziehe. Dieser sei keine vereinzelte Erscheinung, sondern eine notwendige Entwicklungsstufe des Übergangs vom Autoerotismus zur Objektliebe. Die Verliebtheit in die eigene Person (= in die eigenen Genitalien) sei ein notwendiges Entwicklu