You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Als Entstehungsphase der Psychoanalyse gilt im allgemeinen der Zeitraum von 1895 bis 1900, wobei den „Studien über Hysterie“, den Briefen an Wilhelm Fließ und der „Traumdeutung“ maßgebliche Bedeutung zukommt. In der vorliegenden Zusammenschau der analytischen und voranalytischen Schriften Freuds wird der „Konstitutionsprozeß der Psychoanalyse“ hingegen in die Zeit von 1877 bis 1895 vorverlegt. Reicheneder berücksichtigt nicht nur die frühen Arbeiten über Hysterie und Hypnotismus, die unter dem Einfluß Charcots, Bernheims und Breuers entstanden waren, sondern auch die Schriften über die Aphasien und die Kinderlähmungen, die Arbeiten über Cocain und sogar die histologischen und klinisch neurologischen Schriften aus Freuds medizinischer Studien- und Ausbildungszeit. Diesen weit gespannten Bezugsrahmen hat er gewählt, weil er der Auffassung ist, daß die voranalytischen Schriften in ihrer konstituierenden Bedeutung für die Psychoanalyse bisher unterschätzt worden seien.
Führte Freud seine ersten histologischen Arbeiten bei seinen Lehrern Claus und Brücke an Aalen, niedrigsten Fischen und Flußkrebsen durch, so ging er am gehirnanatomischen Labor Meynerts zum menschlichen Zentralnervensystem über. Die daraus von 1877 bis 1886 entstandenen Publikationen lassen drei Charakteristika erkennen, die auch für Freuds Entwicklung der psychoanalytischen Theorie und Praxis von entscheidender Bedeutung waren:
seine Fähigkeit zur Innovation der Untersuchungsmethoden, wodurch erst Zugänge zu bisher nicht genügend wahrgenommenen Phänomenen ermöglicht wurden (vergleichbar mit der Weiterentwicklung der hypnotischen und suggestiven Methoden zum psychoanalytischen Verfahren);
seine darwinistisch-evolutionäre Perspektive, daß sichere Beobachtungen an niedrigeren Organismen auch Aussagekraft für höhere Tierklassen bis hin zum Menschen gewinnen, und daß dementsprechend die Erforschung der frühesten Entwicklungsphasen eines Organismus wesentlich für das Verständnis der voll ausgebildeten Formen ist