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Die große Mehrheit der heute lebenden Psychoanalytiker hat den Nationalsozialismus nicht als denkende Erwachsene erlebt. Wenn sie versuchen, die Haltung Freuds und seiner Schüler zum Nationalsozialismus zu begreifen und zu kritisieren, müssen sie große Schwierigkeiten überwinden. Der Zweite Weltkrieg hat eine historisch einzigartige Kluft zwischen den Generationen aufgerissen, die vor allem dadurch so schwer zu überbrücken ist, weil nur wenige Zeitzeugen überlebt haben. Als einer von ihnen will ich versuchen, verständlich zu machen, was unter den Psychoanalytikern gedanklich, sozial und politisch vor sich gegangen ist.
Zuerst gedanklich: Die Psychoanalytiker waren ideologisch dem Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts verhaftet. Die Ideologie des Nationalsozialismus konnte von ihnen nur als eine Verirrung des Geistes begriffen werden. Daß die Irrsinnigen politisch an die Macht kommen könnten, war nicht wirklich vorstellbar, und mit Ausnahme der wenigen sozialistisch oder kommunistisch Eingestellten erfaßte die Mehrzahl der politisch konservativ oder liberal eingestellten Psychoanalytiker, wie auch Freud selber, nicht die akut drohende Gefahr eines Unterganges ihrer Zivilisation. Hitlers Machtergreifung kam als eine Überraschung wie ein Erdbeben. Die Reaktion war: Schutz suchen und überleben bis es vorbei ist. Ich bin überzeugt, daß der Ausschluß der jüdischen Kollegen in dieser ersten Reaktion einen seiner Gründe hatte. Psychoanalytisch gesehen fand sicher der Abwehrmechanismus der Identifizierung mit dem Angreifer statt. Waren Böhm und Müller-Braunschweig Antisemiten? Im Sinne Hitlers sicherlich nicht. Nur eine Minderheit aller Antisemiten ging so weit, die Juden physisch vernichten zu wollen. Daß das so war, kann schon daraus gesehen werden, wie lange Hitler die Ausrottung der Juden vorbereitet hat und wie er sie im Grunde immer zu verschweigen suchte. Ich konnte beobachten, daß viele, die den Nationalsozialismus an und für sich abgelehnt haben, als er zur Macht