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Zu den bestürzendsten und beunruhigendsten Erzählungen über die Shoa und deren Wirkungen auf die Nachgeborenen zählen jene Geschichten, die Fälle „falscher“ Identifikation beschreiben. Wobei, wie ich gleich hinzufügen möchte, das Wort „falsch“ in Anführungszeichen zu setzen ist - nicht eine Form der „richtigen“ Identifikation soll damit vorausgesetzt, sondern ein Moment der Blindheit oder der Leugnung angedeutet werden. Diese Geschichten, die von einer Identifikation des Verfolgten mit dem Verfolger oder - umgekehrt - des Täters mit dem Opfer - bzw. beider Nachkommen - handeln, bilden ein Genre des Unheimlichen. In einer diffusen Weise lösen sie Bestürzung und ein Gefühl des Anstößigen aus.
Zwei solcher Fallgeschichten, die nicht-literarischen Texten entstammen, möchte ich kurz berichten. Das erste Beispiel schildert Helen Epstein: Während einer Reise durch Israel begegnet die Autorin der jungen Sozialistin „Ilana Edelman“, die in München lebt, in Wien geboren ist. Die mit dem Eigennamen evozierte jüdische Identität Ilanas erweist sich als eine perfekte Tarnung, als eine Mystifikation, die ihre wirkliche Herkunft verbirgt - ihr richtiger Name, so stellt sich heraus, ist „Ilse Eichmann“ - ein Name, der eine ganz andere - skandalöse - Verwandtschaft assoziiert.1 Übrigens findet sich die Tätigkeit der Phantasie, die eine solche Mystifikation produziert, in einem kurzen Text Sigmund Freuds aus dem Jahre 1909 dargestellt, überschrieben: „Der Familienroman der Neurotiker“.
Dieses von Helen Epstein geschilderte Fallbeispiel einer „falschen“ Identifikation, die es einem Nachkommen der Täter-Generation erlaubt, sich als Kind der Opfer zu imaginieren und so die geschichtliche Faktizität zu leugnen, erscheint als Verkehrung der folgenden zweiten Geschichte, die sich in den Niederlanden zur Zeit der deutschen Besetzung ereignete. Hans Keilson, der 1936 dorthin emigriert war und, seit dem Frühjahr 1943 untergetaucht, den Deportationen zu entkommen suchte, arbeitete als Arzt und ps