You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Wenn die historisch-kritische Forschung hinsichtlich der Arbeitsweise Freuds, die sich meist mit un- oder kaum kontrollierbaren Arbeiten Freuds begnügen muß, an eine Studie herantritt, die ausnahmsweise doch kontrolliert werden kann, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien so häufig zugeschoben werden. Sie strebt nicht danach, „das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen“,1 sondern sie kann nicht anders, als alles des Verständnisses wert zu finden, was sich an den Arbeiten Freuds erkennen läßt, und sie meint, es sei keine wissenschaftliche Abhandlung so groß, daß es für sie eine Schande wäre, an den Maßstäben gemessen zu werden, die alle Wissenschaft mit gleicher Strenge beherrschen.
Als eine der größten kontrollierbaren Untersuchungen Freuds ist seine Studie über Leonardo da Vinci (1910) schon von den Zeitgenossen bewundert worden. Freud selbst meinte, diese Arbeit sei „das einzig Schöne, das ich je geschrieben“.2 Er versucht darin, eine Erklärung für eine Reihe rätselhafter Charakterzüge Leonardo da Vincis zu geben: etwa dessen Unvermögen, seine Kunstwerke zu beenden - er ließ sie oft unvollendet liegen -, sein erstaunliches Talent zu eigenständiger wissenschaftlicher Forschung, wobei er sich in auffallend hohem Maße von den damals vorherrschenden Ideen loslöste, oder auch seine stark gehemmte Sexualität; laut Freud war Leonardo latent homosexuell.
Unsere Untersuchung der Arbeitsweise Freuds beinhaltet, daß wir überprüfen, welche Informationen Freud besaß, um uns anschließend anzusehen, wie er mit diesen Informationen umging. Freud sucht die Erklärung für Leonardos Eigenarten in dessen früher Kindheit und gibt deshalb am Ende des ersten Kapitels eine Auflistung des wenigen, was über die ersten Lebensjahre Leonardos bekannt ist:
„Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde 1452 in dem kleinen Städtchen Vinci zwischen Florenz und Empoli geboren; er war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit gewiß nicht als schw