You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
„Keine Theorie stimmt jemals mit allen Tatsachen auf ihrem Gebiet überein, doch liegt der Fehler nicht immer bei der Theorie. Tatsachen werden durch ältere Ideologien konstituiert, und ein Widerstreit von Tatsachen und Theorien kann ein Zeichen des Fortschritts sein.“
Die Arbeiten von Han Israëls lese ich immer mit großem Vergnügen. Sie sind spritzig geschrieben, humorvoll und provokativ. Das gilt auch für seine Arbeit zu „Freuds Phantasien über Leonardo“. Ich halte auch seine Kritik an Freuds Umgang mit dem Quellenmaterial für berechtigt. Jedoch scheinen mir die Schlußfolgerungen, die Israëls aus seiner Rekonstruktion der Freudschen Leonardo-Rezeption zieht, zumindest diskussionswürdig. Ich will hier nicht alle möglichen Einwände gegen die Argumentation von Israëls vorbringen, sondern beschränke mich auf den wissenschaftstheoretischen Aspekt von Israëls Freud-Kritik.
Israëls plädiert im Anschluß an Freud dafür, alle Wissenschaft mit Maßstäben gleicher Strenge zu messen. Auf Freuds Leonardo-Arbeit aber wendet er Kriterien an, die im Falle ihrer Verallgemeinerung jeden Wissenschaftler und jede Theorie in gleicher Weise fragwürdig erscheinen lassen würden. Die Argumentation von Israëls sieht folgendermaßen aus:
Rekonstruktion von Freuds Leonardo-Rezeption;
Nachweis, daß diese Rezeption einseitig ist;
Schluß, daß die aus dieser Rezeption abgeleiteten Schlußfolgerungen wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten;
Ich will hier nicht der Frage nachgehen, inwieweit Freud Unstimmigkeiten in seiner Leonardo-Arbeit erkannt hat und ob er den Leser bewußt hat hinters Licht führen wollen, wie es mir bei Israëls anzuklingen scheint. Viel wichtiger scheint mir die Diskussion des Wissenschaftsverständnisses, das hinter der Art und Weise von Israëls Argumentation steht. Israëls suggeriert nämlich, daß seine Auffassung von Wissenschaft die einzig adäquate ist und die Realität des Forschungsprozesses richtig erfaßt. Daß die Wissenschaftsgeschichte nicht nur vom S