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Die Freud-Sammlungen der Handschriftenabteilung der Library of Congress in Washington enthalten die weltweit umfangreichsten Bestände an Briefen von und an Sigmund Freud.1 Der größere Teil dieser Bestände ist heute allgemein zugänglich. Als ich im Spätsommer 1992 diesen Teil erstmals durchmustern konnte, stieß ich auf einen bisher unbekannten Brief Freuds aus dem Jahre 1932, der mein besonderes Interesse weckte, weil der damals 76jährige Freud darin auf seine Leonardo-Schrift von 1910 zurückblickt und dabei knapp und vorsichtig zugleich die Grenzen angewandter Psychoanalyse, d. h. der Anwendung psychoanalytischer Erkenntnis auf historische Persönlichkeiten aufzeigt. Der Brief ist in Washington nur als Photokopie vorhanden (der Verbleib des Originals ist unbekannt), und er liegt in einer Mappe, die vor allem Briefe an nicht identifizierte Adressaten enthält.2 Der Text des Briefes mit dem gewohnten gedruckten Briefkopf lautet folgendermaßen3:
21.XI.1932
Wien, IX., Berggasse 19
Prof. DR. Freud
Geehrte gnädige Frau!
Ihre freundliche Zusendung hat mich in vergangene Zeiten versetzt. Die Richtung meiner Arbeiten und Interessen hat es mit sich gebracht, daß ich lange nichts von unserem großen Leonardo erfahren habe, und es war anregend, wieder einmal auf jene episodische Beschäftigung mit ihm gewiesen zu werden.
Wie Sie selbst erwähnen, habe ich die Verbindlichkeit meiner Konstruktion von Leonardos Wesen nicht überschätzt. Ich kann auch nicht erwarten, daß Personen, die der Psychoanalyse ferne stehen, einen verwertbaren Eindruck von deren Argumenten empfangen. Die Schwierigkeit liegt in diesem Falle nach meiner Meinung nicht darin, daß Leonardo ein Genie ist. Auch Genies sind menschliche Wesen, oft von nicht ganz normaler Artung. Sondern