You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
In der Geschichte der Psychoanalyse nimmt die Hysterie zweifellos einen herausragenden Platz ein. Ein neues Paradigma des Pathologischen bildet sich im therapeutischen und theoretischen Umgang mit ihr heraus. Der vorliegende Band konzentriert sich auf zwei wichtige Entwicklungslinien: einmal auf die von Charcot und seinen Schülern erarbeitete Lehre der Hysterie in der Schule der Salpêtrière und ihre Bedeutung für Freud, zum anderen, dokumentiert durch ausführliches Quellenmaterial, die Auffassung der Hysterie in der Klinik Burghölzli bei Zürich, wie sie in C. G. Jungs Behandlung von Sabina Spielrein ihren Niederschlag findet.
Die Geschichte der Salpêtrière dokumentiert die Ablösung von religiösen Deutungsmustern in der europäischen Psychiatriegeschichte. Säkularisierung, Medikalisierung und Verwissenschaftlichung bilden die aufeinanderfolgenden Entwicklungsschritte dieser Geschichte. Günter Gödde hat gezeigt, welch herausragende Rolle Jean-Martin Charcot in der dritten dieser Entwicklungsstufen, der Verwissenschaftlichung, gespielt hat. Sorgfältig zeichnet er die Entfaltung des neurologischen Hysterieparadigmas bei Charcot nach und beschreibt den zweiten Schritt der Verwissenschaftlichung, der sich daran anschließt, nämlich die Wende vom neurologischen zum psychologischen Hysterieparadigma durch Charcots ehemalige Schüler Janet, Babinski und Freud.
Daß die Hysterie nicht nur für Freud, sondern anfänglich auch für Jung von entscheidender Bedeutung war, ergibt sich aus den von Bernard Minder veröffentlichten und kommentierten Krankenakten der Behandlung von Sabina Spielrein durch C. G. Jung im Burghölzli, wo sie vom 17. August 1904 bis zum 1. Juni 1905 hospitalisiert war. Minder weist nach, daß diese Behandlung ein Wendepunkt in Jungs Arbeit und darüber hinaus für das Burghölzli insgesamt war. Denn mit Sabina Spielrein, der ersten Hysteriepatientin, die von Jung mit den Methoden Freuds behandelt wurde, hält die Psychoanalyse Einzug in die klinische Arbeit. Im Burghölzli