You do not currently have permission to view the full text for this document. Please sign in to an account with an active subscription or contact support.
Für den, der sich mit der beruflichen Identität von Psychotherapeuten beschäftigt, ist die Auseinandersetzung mit Georg Groddeck in vieler Hinsicht fruchtbar. Ich will im folgenden zwei Themenbereiche untersuchen: was hat uns Groddeck (1) zur Spannung von Regression und Progression in der Psychoanalyse zu sagen, und - damit verbunden - (2) zur Problematik einer Professionalisierung psychotherapeutischer Arbeit mit geregelten Ausbildungsgängen und universitären Prüfungen. In meinen Überlegungen verbindet sich die Spannung zwischen Regression und Progression in der Psychoanalyse mit einem zweiten Gegensatzpaar: dem von Kunst und Wissenschaft.
Diese Spannung läßt sich in der Geschichte der Psychoanalyse dokumentieren. Sie beginnt bei Freuds Wandel von der Neurologie zur Traumdeutung und zu Krankengeschichten, die sich nach seiner verwunderten Feststellung „wie Novellen lesen“. Während Freud aber diese Schritte immer wieder reflektiert und sozusagen versucht, die geistige Verbindung zur empirischen Naturwissenschaft niemals abreißen zu lassen, ist Groddeck radikaler: er stellt den Sinn der naturwissenschaftlichen Einengungen in der Medizin selbst in Frage. Sein „ES“ ist kein Begriff, der sich in den Rahmen physiologischer Laboratorien fügt. Freuds Es ist das freilich ebensowenig. Aber während sich Groddeck über die akademischen Konventionen spöttisch hinwegsetzt, unterhält Freud diplomatische Beziehungen zu ihnen, um die Entwicklung der Psychoanalyse zu fördern.
In der psychoanalytischen Bewegung steht Freud zwischen Anhängern, die ihn für ihre wissenschaftliche Auffassung der Psychoanalyse vereinnahmen wollen, und anderen, die Künstler bleiben und seine Entdeckungen auf diese Weise entwickeln und verwerten. Groddeck gehört zu diesen Künstlern. Freud hat durchgesetzt, daß Groddecks Roman „Der Seelensucher“ im psychoanalytischen Verlag erschien, trotz des erbitterten Protestes der progressiven Dogmatiker, die bereits damals das Bonmot von Julian Barnes bestätigten, Ironie