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Eine Tagung über Archive ohne Enthüllungen, ohne daß einem erstaunten Publikum die Entdeckung längst verschollen geglaubten Materials präsentiert würde, ohne Sensationen und Skandale, ohne Indiskretionen oder ‚vertrauliche‘ Mitteilungen von wahren oder selbsternannten Gralshütem? Dankenswerterweise war dies in London möglich. Das Freud Museum London hat gemeinsam mit der französischen Gesellschaft Société Internationale d'Histoire de la Psychiatrie et de la Psychanalyse zu einem zweitägigen Symposium mit dem Titel Memory - The Question of Archives in das traditionsreiche Somerset House geladen. Die Referentenliste ließ schon erkennen, daß einem interdisziplinär-assoziativen Zugang zum Thema der Vorzug vor einer streng und lege artis durchdeklinierten Programmstruktur gegeben wurde.
Ilse Grubrich-Simitis eröffnete die Tagung mit einem ihrem Buch Zurück zu Freuds Texten entnommenen Beitrag mit dem Titel „Nothing about the totem meal!“ On Freud's notes, in dem sie anhand des Freudschen Notizenkonvoluts zu Totem und Tabu einige Aspekte seines spezifischen Arbeitsprozesses anschaulich zu skizzieren wußte. Entlang seiner Randnotizen und Exzerpte gab sie einen Einblick in die völkerpsychologische, ethnologische und kulturanthropologische Lektüre Freuds und damit in dessen vergleichsweise systematische Suche nach Belegen und Hinweisen in dieser zeitgenössischen Fachliteratur auf eine mögliche rituelle Totemmahlzeit, derer er als Stützung seiner Hypothese eines vorgängigen und von Triumph und Schuld begleiteten Ritualmordes (Ambivalenz der Opfertötung) bedurfte. Freuds Lektürenotizen zu Wundts Werk Elemente der Völkerpsychologie und hier insbesondere sein enttäuschtes Fazit „Nichts von der Totemma(h)lzeit!“, mit dem er das Buch beiseite legte, dienen ihr als Beleg dafür, daß auch jene vielleicht am phantastischsten anmutende Arbeit Freuds, Totem und Tabu, nicht das Ergebnis reiner Spekulation und ungezügelter Fabulierkunst war, sondern sich bereits im Vorfeld und in weiten Te