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Es gibt kein gängigeres Klischee zum Rußlandverständnis als das der russischen Seele als immun gegenüber allen Ideologisierungen, die ihr implantiert worden sind. Daß mit diesem Klischee der uns bislang nur in Annäherungen zugänglichen „Kollektivseele“ etwas getroffen wird, können wir einmal an dem guten Empfang ablesen, der der Psychoanalyse in Intellektuellenkreisen von Anfang an bereitet wurde, zum anderen daran, daß sie ebenfalls von Anfang an als Störfaktor empfunden wurde; also zum einen eine Helferin, die sich mit dem einzig Wichtigen auf der Welt, der Seele, beschäftigt, zum anderen die Kontrolleurin aus dem Westen, die ihr spanische Stiefel anlegt.
Wir Westeuropäer sind nicht gerade prädestiniert, um Rußland, um die russische Seele zu verstehen, denn abgesehen von sprachlichen, fehlen uns viele Kenntnisse über die innere Struktur dieses Landes. Wer weiß schon etwas über das johanneische Christentum, eine Religion, die auch noch in ihren säkularisierten Formen das gesellschaftliche Leben des Landes durchwirkt? Wer kennt das Verhältnis von Kirche und Aufklärung dort? Die Aufklärung ist dem Land gewissermaßen von oben oktroyiert und damit nie zum Besitz des Volkes geworden, und das verstärkte sich dadurch, daß sie in der Sowjetzeit zum Privileg der allerobersten Nomenklatura wurde, der allein der richtige Gebrauch der Ratio oblag. Darum traten sie alle mit ihren grauen Hüten in der Pose des alten Lehrers auf, wie schon Bataille konstatierte, der NS-Funktionäre mit kommunistischen verglich, und dozierten Stunden und Stunden, eine Gewohnheit, die heute, freilich hutlos, nur noch Fidel Castro weiterpflegt. Um das alles auch nur oberflächlich kennenzulernen, muß man sehr viel soziologische und historische Literatur zur Kenntnis nehmen. Allerdings gibt es noch einen schnelleren Weg, Rußland etwas besser zu verstehen. Zumindest das Rußland bis zur Mitte des Jahrhunderts, und das heißt auch schon, bis zum Beginn der Perestroika: man lese Bulga