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„Es ist keine Freude, sich mit der Psychoanalyse abzugeben, und ich halte mich von ihr möglichst fern, aber sie ist zumindest so existent wie die Generation. Das Judentum bringt seit jeher seine Leiden und Freuden fast gleichzeitig mit dem zugehörigen Raschi-Kommentar hervor, so auch hier.“
F. Kafka, Entwurf eines Briefes an F. Werfel1
„Aber wir vergessen zu leicht, daß wir kein Recht haben, die Neurose dort in den Vordergrund zu stellen, wo es sich um eine bedeutende Leistung handelt.“
S. Freud2
„Entspringen die Regeln [des jüdischen Gesetzes] auch nicht aus rationaler Überlegung, so entspringt doch aus ihnen Rationalität.“
M. Horkheimer u. Th. W. Adorno3
Die folgenden Überlegungen, die sich um die Frage nach den jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse zentrieren, berühren das Zentrum psychoanalytischen Denkens. Daher ist diese Frage nicht nur oft diskutiert worden, sondern ist so alt wie die Psychoanalyse selbst und hat Freud selbst immer wieder bewegt und beunruhigt.4 Diese Frage wirft das Problem des wissenschaftlichen Status’ der Psychoanalyse in seiner ganzen Schärfe auf; eröffnet einen Diskurs über das Verständnis von Wissenschaft überhaupt; immerhin geht es hier um die seit der Aufklärung sozusagen institutionalisierte Spaltung zwischen religiösem und wissenschaftlichem Denken. Die Psychoanalyse spricht als wissenschaftliche Disziplin in einer einzigartigen Weise die Krise der Moderne und des wissenschaftlichen Denkens aus, das sich der Tradition der Aufklärung verschreibt, z. B. in der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Genese und Geltung einer Theorie. Es soll hier gezeigt werden, daß es gerade nicht „zufällig“ ist, daß ein „gottloser Jude“, der sich der Tradition der Aufklärung verpflichtet weiß, ihr zugleich widerspricht, indem er Tradition wie eigenes Herkommen als bestimmend für den Erkenntnisprozeß aufdeckt.