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Die psychoanalytische Theorie der Depression erscheint uns heute als etwas mehr oder weniger Selbstverständliches. Dabei gehörte die Depression zu den Bildern, zu denen man lange keinen Zugang fand. Während Freuds frühe Einsichten in die Hysterie, die Zwangsneurose, die Angstneurose, die Neurasthenie und in psychosenahe und psychotische Bilder wie die damalige Paranoia und die halluzinatorische Verwirrtheit bereits im Jahrzehnt vor der Jahrhundertwende publiziert worden waren, dauerte es bis 1911, bis der erste innovative Beitrag zur Depression erschien. Er stammte nicht von Freud, sondern von Abraham. Freuds erste Arbeit über die Depression, „Trauer und Melancholie“ (1916/17g), entstand erst einige Jahre später.
Im folgenden sollen die Anfänge der Theorie der Depression dargestellt werden. Ich werde mit den 1890er Jahren beginnen und zeigen, daß sich Freud damals intensiv um einen Zugang zum Verständnis der Depression bemühte, jedoch zu keinem schlüssigen Ergebnis gelangte. Danach wird geschildert, was Freud und die erste Generation seiner Schüler im Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende über die Ätiologie der Depression dachten. Die damaligen Versuche, die Ätiologie der Depression zu erfassen, fielen nicht zufriedenstellend aus, ließen aber Anforderungen erkennbar werden, die an eine klinische Theorie der Depression zu stellen sind. Im Anschluß daran referiere ich Abrahams erste Arbeit über die Depression und erörtere, ob und inwiefern sich das in ihr enthaltene Element der sogenannten „bösen Mutter“ bzw. der vom Sohn als „böse“ empfundenen Mutter mit Freuds Theorie der psychischen Entwicklung und der ätiologischen Theorie der Neurosen vereinbaren ließ. Abschließend wird die Auffassung vertreten, daß die von Abraham eingeführte „böse Mutter“ den Ausgangspunkt jener Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie bildete, die ihr Hauptinteresse auf die sogenannte „präödipale“ Mutter richtete.