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Am 14. Februar 1909 schreibt der Berliner Psychoanalytiker Karl Abraham, Schüler und Freund von Sigmund Freud, an seinen Lehrer in Wien: „Lieber Herr Professor, … Seit einiger Zeit fesselt mich noch ein anderes Thema sehr - das wäre eine psychoanalytische Studie über Giovanni Segantini, dessen Persönlichkeit und Werke sich erst mit Hilfe der Sexualtheorie verstehen lassen. Ich würde auch darüber gern mündlich sprechen. Es ist erstaunlich, welche Rolle hier die Sublimierung der Partialtriebe, die Verdrängung der Inzestphantasie, die Übertragung auf nicht-menschliche Objekte etc. spielen.“
Als Abraham ihn in einem Brief vom 14.12.1910 um Verständnis für die Verzögerung wegen Segantinis (!) großen Widerständen gegenüber der Psychoanalyse bittet, antwortet Freud am 20.1.1911: “Lieber Freund, Ihr Segantini ist hochwillkommen. Sein Platz ist folgender: In kürzester Zeit erscheint die Übersetzung von Jones’ Hamlet, dann zwei Monate später eine Arbeit eines Züricher Juristen über den Vatermord und dann Ihr Segantini […]."
Karl Abraham ist mit seiner Segantini-Studie einer der ersten von Freuds Schülern, der die „Angewandten“ um eine psychoanalytische Studie bereichert. Freud selbst arbeitet an seiner Leonardo-Untersuchung. Rank hat bereits 1907 „Der Künstler“ geschrieben. Im Vorwort zur ersten Auflage kommentiert Abraham sein Vorhaben, die Psychoanalyse bei einem Künstler und auf sein Werk anzuwenden, kritisch: „Freilich besteht ein gewichtiger Unterschied zwischen meinem Vorhaben und der ärztlichen Anwendung der Psychoanalyse. Der Seelenarzt, der die Methode praktisch ausübt, verbündet sich mit dem Kranken zu gemeinsamer Arbeit.“ Er weist hier auf das Problem der Übertragung-Gegenübertragung in der Kur hin. Bei den „Angewandten“ wenden sich die Interpretationen an einen der „Patienten“, der zum Schweigen verdammt oder tot ist, wie im Falle Segantinis.
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